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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
Rede(Auszüge) zur Verleihung der Johanna-Kirchner-Medaile
Der altãgliche Widerstand gegen das Wegsehen und Duiden
Zum dritten Mal verlieh die Stacdt Frankfurt in diesem Jahr die JOhanna-Kirchner-Medaile. in Würdi- gung ihres Widerstands gegen das Nazi-Regime wurden diesmal 28 Bürgerinnen und Bürger der Stadt 9eehrt.
Die Ehrung fand am 30. Januar, dem Tag an dem Hitler 1933 die Re- gierungsgeschäfte als Reichskanz- ler aufnahm. Oberbürgermeister An- dreas von Schöler vermied in Seiner Laudatio ausdrũcklich den Begriff „Machtergreifung', mit dem gemein- hin dieses Datum bezeichnet wird. Er betonte den„egalen Beginn der Nazi-Diktatur, denn die Nazis hatten die Macht nicht gewaltsam „Sr9riffen', Sondern sie war ihnen vom Reichspräsidenten angetragen worden. Die Selbstrechtfertigung „Sines ganzen Volkes, die sich mit dem Begriff Machtergreifung' asso- ziativ verbindet, ist falsch', hob von Schöler hervor.
„Die Mehrheit der deutschen Be- võlkerung schickte 1933 jubelnd oder zumindest verhalten zustimm- end- die Demokratie zum Teufer', führte der Oberbürgermeister wei- ter aus.„Und nach dem Bruch mit al- len demokratischen humanen Grundwerten, nach dem Bruch mit der Zivilisation, nach jenem in der Geschichte unvergleichichen Ver- brechen, nach Auschwitz hat sich das deutsche Volk nicht etwa das Recht auf Selbstverantwortung, die Demokratie selbst erobert. Die Mlli- ierten haben uns mit Waffengewalt befreit. Die Demokratie wurde uns von den Westallierten geschenkt. Vielen Menschen wurde sie wohl
Selbst nach dem infernalischen Ende des Wahnsinns oktroiert.“
Die Mehrheit der Deutschen hatte Sich nach den Worten von Schqlers also„blind und bedingungslos' un- terworfen, war willig„den Rechten des Individuums 2u Leibe gerückt' oder hatte dies zumindest geduldet. Dagegen gab es aber auch die Min- derheit,„die festhielt am Recht auf Selbstverantwortung und den dar- aus erwachsenden Pflichten. Es gab Sie, die Minderheit, die sich unter Ge- fahr für Leib und Leben der perma- nenten Verletzung der Menschen- rechte widersetzte“, sprach der OB den Geehrten seine Hochachtung aus.
Die Verleihung geschehe zu einer Zeit,„wo vielen Alteren der 30. Ja- nuar 1933 von erschreckender Ak- tualität zu sein scheint', nahm An- dreas von Schöler anschlieBend zur Gegenwart Bezug.„In einer Zeit in der demokratisches Engagement, beherztes Eintreten für Humanität, Zivilcourage von uns allen sehr viel Stärker gefordert ist, als es sich selbst die Pessimistischsten unter uns noch vor wenigen Jahrn vorstel- len konnten; in einer Zeit, in der in diesem Land wieder Menschen be- droht, terrorisiert, ermordet werden, weil Sie sich einem andern Glauben zugehörig fühlen, weil sie eine ande- re Sprache sprechen, weil sie eine andere Haar- oder Hautfarbe haben.
Aber, meine Damen und Herren, 1033 ist nicht 1993; und alle, die die- sen Vergleich ziehen, sollten sich bewußt Sein, daß darin auch die Ge- fahr einer gewaltigen Verharmlo- sung liegt. Die großen Demonstratio-


