Heft 
(1993) 1/1993. April 1993
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.

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FRANKFURT A. M.Ist Auschwitz ausstellbar? Hanno Loewy antwortete ohne zu zögern.Nein, Auschwitz ist nicht ausstellbar. Das ist eine nur scheinbar eindeutige Aussage: Die ausge- stellten Bilder können das Grauen nicht wirklich darstellen, präzisierte er, denn der Holocaust sei nicht zu vermitteln. Man kann Auschwitz nicht ausdrücken, n ihm Rudolf Dohrmann zur Seite;

das schmälere aber keineswegs die An- strengungen, Auschwitz verstehen zu wollen.

So habe er, Dohrmann, als nichtjüdi- scher Deutscher einen eherschweren Zugang zu diesem Thema, Loewy hinge- gen, dessen jüdische Familie größtenteils in dem Vernichtungslager dort umge- bracht wurde, einenleichten Zugang zu Auschwitz, Sagte Dohrmann paradox.

Der Verein zur Gründung der Stiftung Auschwitz hatte zu der Diskussion einge- laden. Sie lief anläßlich der Ausstellung Auschwitz das Verbrechen gegen die Menschheit in den Ausstellungsräumen in der Bockenheimer Voltastraße.

Die Gesprächsrunde: Krystyna Oleksy (Vize Direktorin des Staatlichen Museums Auschwitz), Franciszek Piper (Leiter der historischen Abteilung des Auschwitz-Museums), Hanno Loewy (Fritz-Bauer-Institut), Gottfried Kößler (Mitarbeiter der Hessischen Lehrerfort- bildung und des Historischen Museums Frankfurt) sowie Rudolf Dohrmann(Pa- stor und Vorstandsmitglied des Vereins zur Gründung der Stiftung Auschwitz).

Die Diskussionsteilnehmer hatten sichtlich Schwierigkeiten, ihre Meinung in Worte zu fassen, die richtigen Begriffe für ihre Empfindungen zu finden. Miß- verstãndnisse, Argumentationen weitab vom Thema, eine unterschwellige Aggres- sion und eine merkwürdige Sprachlosig- keit bestimmte die Atmosphäre des Ge- spräches. Auch wenn Experten auf dem Podium saßen, die sich schon jahrelang mit diesem Thema beschäftigten, wurden im Laufe der Diskussion mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben.

Das lag nicht zuletzt daran, daß die Vo- kabel Auschwitzüberfrachtet ist. Auschwitz sei zum einen der konkrete Ort der Massenvernichtung durch Verga- sung und Zwangsarbeit, sagte Loewy. Zum anderen sei Auschwitz zum Symbol

Man kann Auschwitz nicht ausdrücken

Ein Gespräch in Bockenheim zeigte die Schwierigkeit, den Holocaust darzustellen

für den Terror durch die Nazis, zum Zei- chen für alle Erscheinungen des Dritten Reiches geworden undSymbole kön- nen sich abnutzen und schwach werden, warnte Dohrmann.

Eine Erfahrung, die Lehrer Kößler be- stätigte: Schülern sei Auschwitz schwer zu vermitteln,es ist teilweise zu unkon- kret geworden Auch Frau Oleksy be- richtete von Führungen durch das ehe- malige Konzentrationslager: Für viele junge Teute sei der Nationalsozialismus so weit weg wie Geschichten aus dem Mittelalter. Das sei zum Teil auch Schuld der Darstellungsform: Vokabeln wieHöl- le von Auschwitz für das KZ undBe- stien oderSadisten für SS würden die Ereignisse verfremden. Das lenke von der Tatsache ab, daß die Täter normale Menschen waren, daß der Terror des Dritten Reiches keinBusunglück gewe- sen sei:Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen, betonte sie. Es habe einen Weg dorthin gegeben, das müsse in Ausstel- lungen deutlich gemacht werden.

Die Perspektive des Täters, vor allem die Motive, seien auch in der Ausstellung in Frankfurt zu kurz gekommen, fand Hanno Loewy.Die Frage nach dem War- um wird nicht beantwortet; sie wird nicht einmal gestellt, kritisierte er. Und auch den Opfern würde die Ausstellung nicht gerecht. Ein Anspruch, dem nach seiner Meinung bislang keine Ausstellung ge- recht wurde.

Das Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau selbst beschränke sich auf eine äußere Perspektive, der Besucherkann den Tötungsapparat studieren; in israeli- schen Ausstellungen werde wenigstens eine Vorgeschichte der Opfer erzählt, oft stehe der Widerstand in dem Lager im Mittelpunkt und der spätere Weg der Uberlebenden nach Israel.

Aber die Uberlebenden sind nicht die wirklichen Zeugen des Holocaust; sie re- den nur stellvertretend für die unzähli- gen Toten. Sich dem Schicksal dieser Namenlosen zu nähern, sollte nach Han- no Loewys Meinung die Aufgabe einer Ausstellung sein.Auschwitz ist ausstell- bar, revidierte er am Ende der Veran- staltung seine Eingangsbehauptung. Doch über dasWie hat auch diese Dis- kussion keine Antworten geliefert. rea

Dokumentation: Frankfurter Rundschau 11. März 1993