Heft 
(1992) 4/1992. Dezember 1992
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Lagergemeinschaft Auschwitz F̃reundeskreis der Auschwitzer eV

Gedenkstãttenerfall und Ausländermord was bleibt der Lagergemeinschaft?

Wãhrend aller vergangenen Jahre protestier- ten linke Gruppen und Organisationen im- mer, aber fast auch immer alleine, gegen Auftritte der Neonazis, warnten die Organi- Sationen der Opfer und Verfolgten vor einem Anwachsen des braunen Terrors.

In der Offentlichkeit wurden neonazistische Auftritte gemeldet, verurteilt, hingestellt, als dumme Aktionen junger Menschen, geleug- net als Armeichen faschistischen Untergrun- des. Rechtsradikale und neofaschistische Parteien wurden als Sektierer lächerlich ge macht; die Bundesparteien versuchten durch Ausholen nach rechts rechtsradikales Wäh- lerpotential zu vereinnahmen und wollten nicht wahrhaben, wohin sie sich veränder- ten.

Heute 1092 Deutschland ist vom Wirt- Schaftsriesen zum politschen Riesen ge- wachsen. Die geeinte Nation ist eine neue Nation geworden ganz die alte Nation! Gedenk und Mahnstätten an den Faschis- mus werden zerstört, geschlossen oder aber verfallen. Denkmãler von Kaisern als Heer- führer werden neu auf den Sockel gehoben. Der Umgang mit Denkmälern und Gedenk- Stätten ist zwar eine Oberflächenerschei- nung, aber nicht nur.

Gleichzeitig gibt es gegenläufige, positive Erscheinungen: die Gründung des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt. Neue Denk mäler entstehen in zahlreichen kleinen Ge meinden. Lokalhistorische Arbeiten er- Scheinen über die Zeit und die Opfer des Fa- Schismus, über jüdische Gemeinden und ihre Mitglieder in vielen Orten. Der Kreis derer, die daran arbeiten, ist oft Klein. Zwar werden die Arbeiten meist von den regie renden Lokalpolitikern gestützt jedch be steht Unsicherheit darüber, wie die jewei- lige Bevõlkerung das sieht.

Die Beschädigung, Zerstörung oder Be- Schmutzung von Denkmälern, Denkstätten und jüdischen Friedhöfen lassen Gefährli ches vermuten. Die großen Demonstratio- nen in Berlin der Bonn lassen hoffen, wie die vielen Demonstrationen nach den Mor- den von Mölln. Dagegen allerdings stehen die agichen Brandanschläge, Massenaufmãrsche Rechtsradikaler, Mordversuche und Morde an Ausländern, allgemeine Abwehrhaltung, õffentliche Vorurteile und Abschiebe Ver trãge für Roma und Sinti.

Neofaschistern beherrschen die öffentliche Szene; stabile Organisationen zeichnen sich ab: für jede gesellschaftliche Schicht die richtige Organisation: zurückhaltend und dezent die Republikaner, mehr fürs grobe, deutlich Faschistisches nicht auslassend die DVU. Offen faschistische Gewalt androhend und anwendend die verschiedenen von Küh- nen, Röder und anderen angeleiteten Orga- nisationen. Faschistische Gewalt als Frei- Zeitgestaltung neue Inhalte fürs Jugend- zentrum, Mordversuche an Ausländern er- Setzen die Wirtshausschlägerei. Was soll mit dieser knappen Gegenüberstellung erreicht werdenꝰ Ist es nicht fahrlässig, Denkmal- sturz und Ausländermord zusammenzubrin- genꝰ Wird nicht das eine aufgebauscht, das andere verniedlicht?

Nimmt man beides zusammen, dann zeigt sich, daß schon wieder vieles einer faschi- stischen Infrastruktur vorhanden zu sein scheint in unserer Gesellschaft: die Gewalt- bereitschaft vieler Menschen und der Wille, die vergangenheit zu bereinigen

Freilich: vieles Wesentliche fehlt Gum Glück) noch: die Unternehmer sind gegen Ausländerhaß: sie fürchten Exporteinbrüche und haben das Tarifsystem noch nicht so sturmreif, daß sie auf Ausländer verzichten