Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
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sich mit Hilfe seiner Armeen weit über die deutschen Grenzen hinaus- katapultiert hatte. Hier hilft keine Enthistorisierung und Entnazifizie- rung der Hitlerwehrmacht, dies war ihre historische Rolle— der Vor- marsch bis Stalingrad und Ausch- witz sind die Kehrseiten ein und derselben Hakenkreuzmedaille. Na- türlich, die Schuld der Generatio- nen, die aus näherer oder weiterer Distanz, objektiv oder subjektiv, an Auschwitz und allem, was es symbo- lisiert und materialisiert, mitgewirkt haben, kann nicht auf die Söhne und Töchter, die Enkel und die Enkelin- nen von heute übertragen werden (das nenne ich„die Gnade der spä- ten Geburt“). Aber aus der Verant- wortung entlassen ist niemand, kein Deutscher und keine Deutsche von heute und morgen.
Polen ist, wie jeder weiß, ein ar- mes Land. Dennoch hat es Milliar- den Zloty in die Gedenkstätte Auschwitz investiert, 1991 fast 1 1/2 Millionen Mark— was doch nur zwei Drittel dessen war, was unbedingt benötigt wurde, um den Verfall auf- zuhalten. Immerhin wird abey die fi- nanzielle Größenordnung erkennbar — sie hält sich in durchaus mäßigem Rahmen.
Kurz vor der spãten Entscheidung dieses Briefes an Sie, Herr Bundes- kanzler, stieß ich zufällig noch ein- mal auf den Bericht des Bundes- rechnungshofes vom Vorjahr. Die- sen„Bemerkungen 91“ entnehme ich, ausschnitthaft, Beispiele von be- stürzender Verschwendung. Hier
2 Millionen Mark für eine Brücken- reparatur ohne Vorprüfung, ehe er- kannt wurde, daß neu gebaut wer- den mußte; da sinnlos in einen Bundeswehrflughafen bei München investierte 15 Millionen Mark; fer- ner vermeidbare Verluste von 160 Millionen durch Fehlplanungen, an anderer Stelle gar von 200 Millionen — genug, um in die äußerste Ver- gleichsbeklemmung zu geraten! Und zwar schon, bevor der Chronist an staatliche Subventionen denkt, die ungeachtet von Abbauverspre- chen mühelos zweistellige Milliar- denziffern erreichen.
Und Bundeskanzler— Witz?
Stimmt die Mitteilung des polni- schen Ministeriums für Kultur und Kunst, daß der deutsche Staat sich noch nie an Geldspenden für die Ge- denkstätte Auschwitz beteiligte? Haben Sie während Ihres Besuches von 1989 aber nicht selbst in das Schwarze Gedenkbuch von Ausch- witz geschrieben:„DIE MAHNUNG DIESES ORTES DARF NICHT VERGESSEN WERDEN“? Und ge- hört Deutschland nicht der„Interna- tionalen Konvention zum Schutze des Kultur- und Naturerbes“ an, un- ter deren Obhut 322 Objekte stehen, von denen die Nummer 80 Ausch- witz ist?
Dort sah sich die deutsche Journa- listin Monika Held angesichts des bedrohlichen Verfalls zu der Be- schwörung veranlaßt: Wer über die- ses Millionengrab Gras wachsen ließe, der beraube nicht nur die To- ten ihrer Geschichte, sondern„belei- digt auch die Lebenden“.
Ja, Herr Bundeskanzler, auch die Lebenden, womit hier in erster Linie die Uberlebenden des Holo- caust gemeint sind, zu denen auch ich zähle(dies die Legitimation mei- nes Briefes an Sie). Deshalb ein Wort zu ihrer Befindlichkeit, in die ich mich einbeziehe.
Wie manch andere Deutsche jüdi- scher Abstammung, bin ich, trotz al- lem Schrecklichen in jenen zwölf Jahren, nach meiner Befreiung am 4. Mai 1945 hiergeblieben, in diesem Land, ihm in kritischer Auseinan- dersetzung verbunden, und das ohne jede Aussicht auf Anderung. Wo immer ich auch hingegangen wäre auf der Welt, Deutschland wäre mir überall nachgekommen, angenagelt an mir wie ich an ihm. Wie Sie sehen, ist es ein Heine'sches Verhältnis, also dem, was gemein- hin unter„Patriotismus“ verstanden wird, sehr fern— und gerade des- halb unlösbar dauerhaft. Aber ver- gessen, Herr Bundeskanzler, verges- sen ist gar nichts!
Wie zuvor schon die alte Bundes- republik, so soll nun auch dieses
Herr S e


