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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
VUnd Auschwitz, Herr Bundeskanzler,-Auschwitz?“ Offener Brief an Helmut Kohl/ Von Ralph Giordano
Köln, 11. Januar 1992
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Darf ich Sie, falls nötig, darauf aufmerksam machen, daß die Ge- denkstätte Auschwitz verfällt? Daß aus Geldmangel dort, wo zwischen März 1942 und November 1944 Mil- lionen Juden und Hunderttausende Sinti und Roma aus dem ganzen deutsch besetzten Europa systema- tisch umgebracht worden sind, die Reste der größten Schädelstätte in der Menschheitsgeschichte vom Un- kraut überwältigt zu werden dro- hen? Die letzte erhaltene Gaskam- mer(30 m lang, 7 m breit, 2 1/2 m hoch, Tötungskapazität seinerzeit bis zu 3000 Menschen innerhalb von 10 Minuten) versinkt langsam im Morast des Untergrunds, ebenso die Häftlingsbaracken, deren umge- stürzte Schornsteine bereits die oh- nehin mürben Fundamente zer- trümmert haben. Die Dächer sind abgedeckt, die Scheiben zersprun- gen, die Fensterrahmen verrottet, die Pfähle um das Lager verrostet. Wenn nicht rasche Hilfe kommt, wird das Haargebirge in Block 4 und die aus ihnen gefertigten Stoffballen (in denen noch die Spuren des To- desgases Zyklon B nachweisbar sind) unwiederherstellbar verschim- meln, wie die Koffer, die Schuhe und die Prothesen, die den Todge- weihten abgenommen worden wa- ren. Das heißt: ohne nachdrückli- chen Eingriff wird die Gedenkstätte Auschwitz insgesamt ebenso ver- schwinden, wie schon der Steg über den See, in den die Asche der Er- mordeten aus dem Krematorium 4 mittels Loren gekippt wurde.
Uber die Problematik seit langem informiert, entnehme ich die akute Zustandsschilderung dem alarmie- renden Bericht von Monika Held im Magazin der„Süddeutschen Zei- tung“, ein publizistischer Aufschrei:
„Wenn die Schornsteine in Birkenau umfallen, dann wird die Landschaft aufhören, stumm 2u erzählen von den Menschen in Auschwitz.“
Was geht hier vor, Herr Bundes- kanzler? Sollen denn wirklich jene Unverbesserlichen triumphieren, die schon immer„Schluß machen“ wollten, womit sie in Wahrheit nie angefangen haben? 6
Zwar steht dieses grauenhafteste aller Museen auf polnischem Boden, aber das Original war von Deut- schen errichtet worden. Wäre des- halb nicht die Bundesrepublik, schon vor ihrer neuen, größeren
Einheit immer wieder offiziell als Rechtsnachfolger des Dritten Rei- ches proklamiert, der eigentlich ver- antwortliche Konservator der Ge- denkstätte? Auschwitz ist die fürch- terlichste Schöpfung unserer Ge- schichte, errichtet im Kontext eines Systems, dessen Verbrechertum


