Heft 
(1992) 2/1992. Mai 1992
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.

Keine Annäherung an Ausschwitz

von Thilo Maurer

Auschwitz ist mir Metonymie: abstrakte Versinnbildlichung und zugleich konkrete- ste Manifestierung des Unbegreiflichen.

So sehr Auschwitz durch sein Gewesensein und seine Nachwirkungen lebt, unsere Ge- genwart prägt, so wenig sind wir sogenann- ten jungen Leute in der Lage das vergangene Auschwitz nachzuvollziehen.

Wohl sind wir nicht die ersten, die sich den Kopf zermartern über den Versuch, Au- schwitz kognitiv zu erfassen, die rassen- wahnsinnige Irrationalitãt in ein rationales Korsett zu packen. Faschismustheorien, die KategorieMacht erscheinen uns ange- sichts Gaskammer und Krematorium aber wie eine Sichtblende denn Schlüssel zum Verständnis. Aussagen versagen, Fragen verlaufen im Sande, der Konjunktiv Sonst so hilfreich wo sich Realität und Un- öglichkeit überlappen auch er bleibt am Stacheldraht hängen. AMenfalls einige ver- spätete Imperative lassen sich ableiten.

Hermann Reineck mahnt uns, Auschwitz mit dem Bauch zu entdecken, zu fühlen, Atmosphäre zu verinnerlichen.Hinter je- der Zahnbürste steckt ein Schicksal, ein Menschenleben. So, so spüren also. Wir geben uns Mühe, die Sinne zu öffnen, uns nicht durch Fotoapparat und Aprilsonne blenden zu lassen.

Aber jetzt, die schier endlose Barackenrei- he im Gegenlicht, und die feingliedrigen Birken im Vordergrund, das kommt garan- tiert gut raus.

An Ausreden mangelt es uns nicht. Unsere Emotionsfähigkeit ist durch die Medien- und Konsumwelt verkrüppelt. Zudem, selbst wenn sie es nicht wäre: auch die Ge- fühle hängen vom Input unserer Wahrneh- mung ab. Und so wie die Sprache Auschwitz keinen Modus als Spiegel hal- ten kann, fehlt dem Bauch ein adäquates Sinnesorgan.

Vielleicht ließe sich die Polarität: kogniti- ve emotionale Annãherung, dialektisch überwinden, wenn sich These und Antithese gegenseitig wegkürzen. Einen Augenblick lang glaube ich, die Synthese in dem ver- drehten B vonArbeit macht frei versteckt

Die grammatikalischen Modi sind aber auch die unseres Denkens und so ve- Schwimmt die Hoffnung mittels der Spra-

che, also kognitiv, dem Formlosen Konturen zu verleihen.

Metaphern? Ach, Metaphern.

zu sehen. In dem Moment habe ich es auch Schon fotographiert und mit dem Klick 1õst sich die eben so nahe scheinende höhere Er- kenntnisebene in Nichts auf.

Ob ich demzufolge Auschwitz nicht begrei- fen kann, weil ich ein Mensch bin? Aber