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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
von der Zeitgeschichte zu Uberwin- den, die sich immer wieder 2wi- schen uns und die Geschichte stel- len.
Bei der Begegnung mit uns muß man spüren, daß wir uns weder überflüssig noch unteregen wissen, daß es uns gar nicht darauf an- Kommt, um jeden Preis ein paar Le- benstage länger dazusein, daß es aber wohl darauf ankommt, um je— den Preis 8so 20 sein, wie wir Sind“ dies Sschrieb der Jesuitenpater Deip in den letzten Tagen seiner Tegeler Haft. Er blieb angesichts Seines To- des ebenso selbsthewußt wie Diet- rich Bonhoeffer, der sich selbst in der ganzen Ausweglosiqkeit Seiner Haft zum Optimismus als der Lebenskraft“ und der Kraft der Hoffnung“ bekannte, die ihm hölte, den Kopf hoch zu halten, wenn alt es fehlzuschlagen scheint, Zu- kunftsoptimismus als die Kraft, die hilft, Röckschlage zu ertragen und S0o die Zukunft niemals dem Ge9ner 2u überlassen, sondern für sich in Anspruch zu nehmen.“
Wir Spüren, wie sich in der Todes- zelle das Denken nicht mehr aut die aktive Bemühung konzentrierte, die abgrundtief schlechte Wirklichkeit des NSRegimes durch einen Um- Sturz zu wenden, sondern in ganz radikaler Weise die Bedeutung des Widerstandes för die notwendige Neuordnung dieser verkommenen Gegenwart zu bestimmen.
So steht neben dem Versagen in der Einsamkeit das unerschütterte Selbstbewußtsein des Zukunftsop- timismus. Dieses Spannungsver-
hältnis drückt sich in vielen Zeugt nissen aus. So beklagte Moltke ei— nerseits die'Schmählichkeit seines Todes“ als das Schlimmste“: Er werde'nicht zur Kenntnis genom- men, und die Verwandten ver- tuschten ihn“. Zogleich Hammerte er sich an die Hoffnung, seine Kin- der verstünden'eines Tages seinen Abschiedsbrief“, um zugleich wieder zu zweifeln: Aber ich weiß, daß dies eine Frage der Gnade ist, nich irgendeiner äußeren Beeinflus—
Sun9.“
Als Angehörige der Nachkriegszeit hatten wir die Möglichkeit, die Hoff- nung, die wohl alle Begimegegner, ermordete wie überebende, einte, z0 erföllen. ch denke, in weiten Strecken ist dies gelungen, auch und vielleicht auch vor allem dann, wenn es gelang, eine lInstrumentali sierung der Erinnerung an den Wi derstand zu vereiteln.
Jeder Regimegegner hat Anspruch auf Erinnerung und Würdigung, der Nachlebende bedarf der Konfronta- tion mit einem Leben im Wider- spruch, im Widerstand und in der Unbedingtheit aber mehr als d Oberebende die Würdigung. Seine Jat steht, wir müssen uns die Erin- nerung erarbeiten.
nsofern frene ich mich öber die Verleihung der Johanna Kirchner- Medaille, denn sie gibt uns die Ge- egenheit einer erneuten Konfronta- tion mit richtigem Verhalten in den Konstellationen unseres Jahrhun- derts, auf das wir in kaum einmal neun Jahren nicht zuröckblicken können, ohne den Widerstand ge-


