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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
gearbeitet werden konnte wie bisher. Es fehlten 3,5 Milliarden Zloty für Reparatu- ren, für Dachdeckerarbeiten, für den Aus- bau des Archivs. In der Sowjetunion liegen 70 000 Todesurkunden, die nach Ausch- witz gehören aber wohin damit? 24 Milli- arden Zloty- das wären fünf Millionen Mark würde eine Klimaanlage kosten, die zwei Tonnen grau gewordenes Häftlings- haar davor schützen würde, endgültig zu verfilzen.
Die Haare in Block vier, vor denen Jahr für Jahr eine halbe Million Menschen stumm den Mechanismus des Lagers begreifen, die effiziente Resteverwertung der Toten- diese grauen Haare erzäãhlen nun auch von Jahr zu Jahr aufdringlicher die Geschichte des Verfalls aus Mangel an Geld.
Es fehlt Geld für die Restaurierung des To- destores. Es fehlt Geld für Spezialisten, für Arbeiter, Architekten, Konservatoren. Es fehlt Geld für ein Heizungssystem, das die Koffer, die Schuhe, die Prothesen und Bril- len der Toten vor dem Verfall schützt. Schauen Sie sich die Krematorien in Bir- kenau an“, Sagt Krystyna Oleksy, die Um- kleideräume, die Gaskammerm- wenn nicht bald etwas passiert, kann man nicht einmal mehr ahnen, was hier geschah.“ Sie schweigt. Dann fragt sie den Besucher aus Deutschland:“ Wie restauriert man eigent- lich eine Gaskammer?“ und, als könne sie Gedanken lesen:Die Spezialisten könnten selbstverständlich aus Polen kommen. Die Baupläne gibt es noch. Was uns fehlt, ist Geld.“
Die Erde drückt die Mauern ein. Nur wer Bescheid weiß. versteht die Sprache der Trümmer. Nur wer gelesen hat, nur wer sich alles hat erklären lassen, sicht hier Bilder. Der sicht hier nicht nur einen lan- gen, tiefen Graben, sonder einen Umklei- deraum mit Haken an den Wänden und Bänken aus Holz. Die Plakate in allen Sprachen:“Wasche Dich!“, Eine Laus— Dein Tod!“, Zum Desinfektionsraum“,
Rein ist fein!“ Der sieht im rechten Win- kel dazu den riesigen Duschraum“: Dreißig Meter lang, sieben Meter breit, zweieinhalb Meter hoch. Und unter den Trümmern die Ofen. Dreitausend Men- schen in Zehn Minuten. Vergast.
Zum Sonderkommando in den Bunkern von Birkenau hat der tschechische Jude Fi- lip Müller gehört. 15 Ofen konnten tãglich dreitausend Menschen verbrennen. Und hundert Meter weiter steht das Krematori- um 3 mit der gleichen Kapazitãt. Und Kre- matorium 4 und Krematorium 5 und Bia- 1 Domek, das weiße Häuschen, war auch ein Krematorium. Im Sonderkommando hat Filip Müller Koks geschleppt, Asche aus den Ofen gekratzt, den Toten die Haare geschnitten, die Goldzähne herausgebro- chen, die Armaturen der Ofen geschrubbt und gewienert bis sie blinkten und glänz- ten. Die Mörder liebten Ordnung und Sau- berkeit. Rein ist fein.
Einmal haben tschechische Juden im Um- kleideraum ihre Nationalhymne gesungen. Da wußte Filip Müller deutlich wie nie zu- vor, daß dieses Leben jeden Sinn verloren hatte. Zusammen mit seinen singenden Landsleuten ging er in die Gaskammer. Aber man erkannte ihn. Ihn, den Häftling, der hier zu arbeiten hatte, dessen Tod erst Spãter geplant war.
»Pu willst ja sterben“, sagte eine Frau. Pein Sterben wird uns nicht das Leben bringen. Du mußt hier raus. Du mußt be- richten über unser Leiden.“ Filip Müller hat Auschwitz überlebt. Das Buch, das er geschrieben hat, heißt Sonderbehandlung. Imkulturellen Erhe jedes Volkes kommen die tausend und eine Facette Seines Eyfin- dungs- und Einfallsreichtums, aber auch jene eigentüimliche Kontinuität zum Aus- druck, die all das in sich vereint, was im Laufe der Zeiten geschapfen wurde und vwus in der Zukunft noch geschaffen werden wird. Man kann es wohl nicht treßender ſormulieren- Die Erhaltung dieses Erbes


