Heft 
(1992) 1/1992. Januar 1992
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.

die Pfähle verbindet, das Gelände ein- schließt, ist verrostet, liegt auf dem Boden, wurde ersetzt, verrostet wieder. Es waren Hãftlinge, die die Pfähle gegossen und auf- gestellt haben. Betonpfähle, in denen sie ihre Spuren hinterlassen haben: Ornamen- te, kleine Verzierungen, die vom Schön- heitssinn der Menschen erzählen, die hier waren, um zu sterben.

Tausende von Baracken haben in Birkenau gestanden. Noch stehen so viele, daß die Phantasie die fehlenden ergänzen kann. Immer wieder müssen diese Baracken trockengelegt werden, denn das Gelände ist sumpfig und feucht. Die Dãcher müssen gedeckt werden, die Fenster brauchen neue Rahmen, zersprungene Scheiben müssen ausgewechselt werden. Noch kann der Be- sucher die Holzbaracken besichtigen: Mar- ke Pferdestall mit zweiflügeligen Toren, jede Baracke ursprünglich entworfen mit 18 Boxen für 52 Pferde, dann umfunktio- niert für tausend Häftlinge. Holz wird feucht, Holz schimmelt, Holz bracht Pfle- ge.

Birkenau-Landschaft aus roten Backstein- schornsteinen. Windschief, verwittert, vom Frost gesprengt. Das Auge ergänzt: Zu je- dem Schornstein hat eine Baracke gehört. Vierzig Meter lang, neun Meter breit, zweieinhalb Meter hoch. Tausend Häftlin- ge in einer Baracke. Wenn die Schornstei- ne in Birkenau umfallen, dann wird die Landschaft aufhören, stumm zu erzählen vom Martyrium der Menschen in Ausch- witz.

Dort, wo schon viele Schornsteine in die Fundamente der Baracken gefallen sind, dort ist der Lagerabschnitt D. Hier hat Karl gewohnt', sagen seine Freunde. Der deutsche Jude Karl Brozik hat die Vertrei- bung der Juden aus dem Sudetenland über- lebt. Er hat das Ghetto Lodz überlebt, in dem sein Vater verhungerte, seine Mutter und sein Bruder. 26 Verwandte wurden er- mordet. Karl Brozik hat den Transport im

Vichwaggon nach Auschwitz überlebt und die Selektion an der Rampe in Birkenau. Im Winter 1944 wurde er auf den Toten- marsch' in das KZ Mauthausen geschickt und weiter in das Außenlager Gusen. Dort wurden in unterirdischen Bunker Flug- zeuge produziert. In Gusen betrug die durchschnittliche Uberlebenszeit für Juden drei bis vier Tage. Im Mai 1945 war Karl Brozik 19 Jahre alt und wog 42 Kilo- gramm. Seine Freunde sagen:'Karl darf nie schen, wie in Auschwitz seine Geschichte verrottet.

Mit der Unterzeichnung der Konvention verpflichtet Sich jedes Land dazu, die in- nerhalb Seiner Landesgrenzen gelegenen Denkmdler von außergewöhnlicher welt- weiter Bedeutung zu Schützen und zu er- halten. Man kann Sagen, daß diese Länder die ganze Welt gewissermaßen mit ihren grõßten Schätzen heschenken, die sie für zukinftige Generationen erhalten wollen. (VNESCO-Kommission, Bonn)

Der Kulturschatz Nummer 80 ist deut- scher Herkunft. dennoch steckt der polni- Sche Staat jährlich Milliarden Zloty in die- ses unfreiwillige Erbe. Mehr Geld können wir nicht aufbringen, sagt Krystyna Olek- sy bedauernd. 1990 hat das Ministerium für Kultur und Kunst über zehn Milliarden Zloty gegeben das sind umgerechnet zwei Millionen Deutsche Mark. Junge Deut- sche haben hier viel gemacht, sagt die Stellvertretende Direktorin anerkennend, Akten geordnet und Unkraut gejätet. Sie haben sich an Um und Aufbauarbeiten be- teiligt. Und sanft fügt sie hinzu:Aber Geld für die Gedenkstãtte haben wir vom Deutschen Staat noch nie bekommen. Und jetzt- sie lächelt verständnisvoll- jetzt haben Sie ja Ihre neuen Länder. Deren Aufbau interessiert Sie stärker als die Er- haltung des Konzentrationslagers, nicht wahrꝰ

Für das Jahr 1991 waren 11,5 Milliarden Zloty nötig, damit in Auschwitz so weiter-