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Lagergemeinschatt Auschwitz/Ereundeskreis der AuschWitzer e. V.
Vorher und nachher ist der gelernte Maurer und spätere Bauleiter— wie so viele seinesgleichen— nie mehr aufge- fallen. In Zeugnissen wurde er mit At- tributen wie„ehrlich, anständig, zuver- lässig und einsatzfreudig“ belegt. Doch in einer kurzen Zeitspanne von nur we- nigen Monaten seines Lebens hat er sich— so scheint es— derart hervorge- tan, daß noch heute, über 40 Jahre spä- ter, Zeugen sich seiner sehr wohl als „Slepy“, des Blinden, erinnern, der mit seinen Opfern im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau„Wilhelm Tell“ zu spielen pflegte. Im Sommer 1944 be- gann die einzige Periode im Leben des Gottfried Weise, in der er offenbar alle moralischen und menschlichen Beden- ken über Bord warf. Wegen sechsfachen Mordes und eines Tötungsversuchs hat er sich nun vor Gericht zu verantworten — in einem der letzten NS-Prozesse in der Bundesrepublik.
Die Taten, die ihm jetzt vorgeworfen werden, rühren aus einer Zeit her, in der der damals 22jährige Maurerlehr- ling Weise die Aufsicht im Konzentra- tionslager Auschwitz-Birkenau über das Hãäftlingsarbeitskommando„Kanada“ hatte Was er dort mit den ihm ausgelie- ferten Menschen allem Anschein nach tat, ist den wenigen, die diese Zeit über- lebten, deshalb in so guter Erinnerung, weil es eine so besondere Teufelei in der an Unmenschlichkeiten nicht ar- men Umgebung Mar und Weil der Täter durch sein von einer Kriegsverletzung herrührendes Glasauge eine so auffal- lende Erscheinung war.
Allein 34 von der Staatsanwaltschaft benannte Zeugen sollen in dem am Dienstag vor einem Wuppertaler Schwurgericht begonnenen Verfahren gegen den inzwischen 65 Jahre alten Weise bekunden, was der heute als Rentner in Solingen lebende ehemalige SS-Unterscharführer an ihresgleichen verbrochen hat. Sie werden aus Kalifor- nien, Israel, Osterreich, Frankreich, den Niederlanden, Ungarn und der Tsche- choslowakei in die Stadt im Bergischen anreisen müssen. Was diese Menschen zu berichten haben, hat schon 1962 erst- mals ein Uberlebender von Auschwitz zu Protokoll gegeben. der— wie das so
häufig in den spät gekührten NSVer- fahren ist— inzwischen verstarb und dessen dadurch vor Gericht weit weni- ger gewichtige Aussage nunmehr ledig- lich verlesen werden kann. Unterm Strich blieb, nach so langen Ermittlun- gen, daß dieser Angeklagte auf beson- ders grausame Art und Weise zu der Riege der Exzeßtäter des Dritten Rei- ches gehört haben soll.
So jedenfalls sieht es die Anklage, die ihm sechs besonders grausame Morde und ein Tötungsdelikt vorwirft: an drei Juden, darunter einem fünk- bis sechs- jährigen Jungen, verging sich Weise auf besondere Art. Das Kind, das gerade erst mit einem Transport an der Rampe in Birkenau angekommen war und mit dem Weise zuvor noch tanzend sein Späßchen getrieben hatte, wurde, eben- so wie zwei Männer, gezwungen, sich eine Blechbüchse auf den Kopf zu stel- len. Der forsche SS-Mann Weise soll dann mit Schüssen aus seiner Pistole oder seiner MP versucht haben, auf die- sen Gegenstand zu zielen. So lange soll er nach Bekunden von Augenzeugen sein tödliches Spiel fortgesetzt haben (wobei die Opfer sich bei Fehltreffern die Büchse stets selbst wieder auf den Kopf stellen mußten), bis er irgend- wann das Ziel verfehlte, die Männer und den Jungen tõdlich traf.
Während einer Nachtschicht soll Wei- se eine schwangere Häftlingsfrau schwer geschlagen haben, nur weil die gerade in Auschwitz Angekommene auf seine Frage, ob jemand in der Baracke während seiner kurzen Abwesenheit geschlafen habe, ihm mit Nein antwor- tete. Die Frau sei daraufhin zu Boden gestürzt, wo er ihr so lange in den Leib trat, bis sie anschließend leblos wegge- tragen werden mußte. Ein anderer Häftling Soll von Meise deshalb. er- schossen worden sein, weil er nicht rechtzeitig nach einer Stunde Pause wieder zur Arbeit antrat. Zwei Männer sollen vor den Augen des Arbeitskom- mandos vonMeise deshalb erschossen worden sein, weil sie versucht hatten zu fliehen und weil eine solche Exekution auf die Zeugen abschreckende Wirkung haben sollte.
in Auschwitz als Teufel gefürchtet
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