Heft 
(1985) Nr. 7. Dezember 1985
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Lagergemeinschaft Auschwitz V

Freundeskreis der Auschwitzer eV.

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Futhanasie-Prozeß gegen * drei Arzte im Januar 1986

Angeklagte vurden für verhandlungsfähig erklärt/

Anklage spricht von 70 000 Opfern

Von unserem Redaktionsmitglied Norbert Ippert

Fin neuer NS-Prozeß kommt Anfang Januar auf das Frankfurter Landgericht zu. Wie aus einem am Donnerstag be- kanntgewordenen Beschluß hervorgeht. soll ab Ende Januar vor dem Schwurge- richt gegen drei Arzte verhandelt werden. denen Beihilfe zum Mord an Tausenden von psychiatrisch Kranken während des Nazi-Regimes vorgeworfen wird. Die An- geklagten. Jahrgang 1913 und 1914, hat- ten bis zuletzt behauptet. sie seien ver- handlungsunfähig.

Aufgrund umfangreicher Untersuchun- gen durch einen medizinischen Gutachter steht für die Schwurgerichtskammer fest. die drei unter Herzinssufizienz leidenden Arzte seien nicht so krank, daß ihnen die Anklagebank erspart werden könnte. Mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand soll jedoch nur einmal pro Woche verhan- delt werden, und zwar jeweils drei Stun- den. Die gesamte Prozeßdauer dürfte mindestens ein Jahr betragen.

Angeklagt in dem voraussichtlich letz- ten Frankfurter NS-Prozeß sind der prak- tische Arzt Dr. med. Klaus Endruweit so- wie die beiden Fachärzte für Frauen- krankheiten, Drs. med. Aqilin Urich und Heinrich Bunke. Laut Anklage waren sie 1940/41 an der von Hitler veranlaßten Aktion T 4* zur Tötung von geistig Kran- ken beteiligt, bei der insgesamt 70 000 als nutzlose Esser deklarierte Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten getötet wurden.

Einsatzorte der drei Arzte waren die 2u Tötungsanstalten umfunktionierten Kli- niken in Brandenburg an der Hsavel. Bernburg(Sasle) und Sonnenschein bei Pirna. Während die Kranken glaubten. sie würden ärztlich behandelt und ge pflegt wurden sie in den Dusch- und In-

Oberlebende Opfer glauben nicht an den Tod Mengeles

dc BONN. 5. November Uberlebende der medizinischen Versuche des K?- Arztes Josef Mengele glauben nicht an dessen angeblichen Tod in Brasilien im Jahr 1979. Zwei der Opfer Mengeles. Vers Kriegel und Ephraim Reichenberg. hal- ten sich zur Zeit in der Bundesrepublik auf und hatten nach eigenen Angaben am Montag ein mehrstündiges Gespräch mit den für die Fahndung nach Mengele zustandigen Frankfurter Staatsanwälten. Josel Mnßcle soll noch im Frühling in Europa gesehen worden sein. und zwar von einer Person. deren Namen vorläufig noch nicht bekanntgegeben werden kön- ne Sagte Frau Kriegel bei einer Presse konferen? der Gesellschaft für christ lichudische 7usummenarbeit in Bonn Nuch ihren Angaben haben weder die Be- horden der USN und lsraels noch die der Rundsrepublik den Fal Mengele end-

halationsräumen mit Kohlenmonoxyd vergiftet lhre Angehörigen erhielten an- schließend Trostbriefe mit dem Hinweis auf natürliche Todesursachen.

Endruweit. Mrich und Bunke hatten 1967 zum erstenmal in Frankfurt vor dem Schwurgericht gestanden. Damals wur- den sie freigesprochen ein Ergebnis. das der Bundesgerichtshof(BGfHi) aber nicht akzeptierte, da die Urteilsgründe krasse Widersprüche enthielten. Seither hatten sich die Angekagten darauf beru- len, sie könnten einen weiteren Prozeß gesundheitlich nicht durchstehen.

Wie die Staatsanwaltschaft ermittelte, waren die drei Arzte andererseits aber gesund genug. um in den vergangenen Jahren ihrer Praxis nachzugehen und Pa- tienten zu behandeln. Einer von ihnen stand zeitwreilig auch am Operationstisch. Fazit des Frankfurter Oberstaatsenwal- tes Hans-Hermann Eckert: um ihren Ge sundhei d zu manipulieren hät- ten die Angeklagten bewußt ihre medizi- nischen Kenntnisse eingesetzt.

Vorsitzende des Schwurgerichts, vor das die drei Krzte kommen. ist Richterin Johanna Dierks. Unter ihrer Leitung wurde 1982 der Prozeß gegen einen ehe maligen SS-Hauptsturmführer geführt. der zu vier Jahren Freiheitsstrafe verur- teilt wurde. Mit dem Hinweis, die Ange kKlagten seien über den Prozeſbeginn noch nicht offizieli informiert, war die Gerichtsvorsitzende am Donnerstag nicht bereit. Auskünfte zu erteilen.

Wie aus Justizkreisen verlautet, wird die Staatsanwaltschaft jetzt überprüfen. wie viele der ursprünglich 30 benannten Zeugen vor Gericht noch aussagen kön- nen

gültig kür erledigt erklärt. Sie erinnerte daran. daß die Zahnärztin des ehemsli- gen K?Z-Arztes in Brasilien der Ansicht gewesen sei, daß es sich bei den Zähnen des in Brasilien exhumierten Leichnams nicht um die von Mengele handele.

Vera Kriegel und Ephraim Reichen- berg wollen am Donnerstag den Sohn Mengeles in Freiburg aufsuchen und ihn Fragen. warum er erst sechs Jahre nach dem angeblichen Tod seines Vaters sein Schweigen gebrochen habe. Sie wollen ihn im übrigen zu einer dreitägigen An- hörung im November im US-Stast India- na einladen, bei der Experten über Men- gele und dessen eneen doe bekragt werden sollen.

Frau Kriegel und Reichenberg gehör- ten zu den 1500 Zwillingen, an denen Mengele in Auschwitz Experimente aus- Kelührt hatte und von denen nur 130 überlebt haben

Samsiat. 16. November

Soubecher Zeltuno

Donnerstag 21 November 1985.

Frankturter Rundschau

Ex-SS-Führer Kutschmann in Haft

Ares/konn dpa). Der als NS-Verbre-

cher gesuchte frü- here SS-Ober- sturmführer Wal- ter Kutschmann (Bild) ist in Buenos Aires verhaftet worden. Die Bun- desregierung hatte in diesem Jahr er- neut ein Ausliefe- rungsersuchen ge- stellt hatte. Ein Bonner Sprecher teilte mit, schmann bestreite seine Identität. Er sei ſestgenommen worden, als er die Wohnung seiner Schwester in Buenos Aires verließ. Kutschmann steht unter anderem im Verdacht, an mindestens fũnf Massenexekutionen von Juden in Drohobycz und der Deportation von rund 1 000 Juden von dort zur Verga- sung in ein Vernichtungslager sowie an der Erschießung von mindestens 20 polnischen Hochschullehrern in Lem- berg beteiligi gewesen zu sein.

1985

Bertolt Brecht An die Schwankenden

Du sagst: Es sehi sᷣchlecht um unsere Sache. Die Finʒtemis nimmt ⁊u. Die Krãſte nehmen ab. Jein nachdem wir so viele Jahr gearbeitet haden Sind vir in schuierigerer Lage als am Anſang Der Feind aber steht sirer da denn jemals. Seine Kräſte vcheinen gewachsen. Er hat ein unbesiegliches Anschen angenommen. Wir aber haben Fehler gemacht. es is nicht ⁊u leugnen.. 3 Unsere Zahl chwindet hin. Unsere Pawlen sind in Unornung. Einen Teil unserr Wöner Mat cer Feind vemrhi dis zur Unkennilictieit. Ms is jein ſulsch von dem. was wir pesopi haden Finiges oder allez?. Aul ven rechnen vit nochꝰ Sind vir Ubrig· ² gebliebene. herausgeschleuden Aus cem jebendigen FHub? Wewen vir zuck-

eiben Keinen mehr verztehend und wn keinem verunden? Müssen wir Glück haden?

So ſrgs du. Enane Keine ander Antaon als die deine!

Vom Kardinal Reue erwartet

WARSCHAU, 20. Movember(dpa). Au- Berungen des Vorsitzenden der Deut- schen Bischofskonferenz, Kardinal Josef Höftner. zum Verhältnis zwischen den deutschen und polnischen Katholiken sind in Werschau auf scharfe Kritik ge- stoßen. In einem von mehreren Zeitun gen abgedruckten Kommentar zu dem Vorwort Hölfners zu einer Dokumenta tion anläßlich des 20. Jahrestages der Versõh botschaft der polnischen Bi- schöle an ihre deutschen Amtsbrüder Schreibt die amtliche polnische Nachrich tenagentur PAP, Höffner apreche davon. daß deide Mationen nicht mehr gegensei tig Gewalt anwenden sollten. Dabei über- sehe er völlig, daß es die Deutschen va ren. die den Folen Gewalt zufügten. Seine Ausführungen ließen jegliche Ratholi- che Reue vermissen. die man in solch einem Fall erwarten könnte