Lagergemeinschaft Auschwitz V Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
Naziverbrechen:„Der Trend geht in der breiten ffentlichkeit hin zum Vergessen“
„Dokumentations- und Werkstätte Auschwitz“ soll in Frankfurt aufgebaut verden/
Die Erinnerungen der Zeitzeugen werden für die Nachwelt festgehalten
Gutgelaunt, freundlich, oft ein bibchen verschmitzt lachend— so sitzt er da in einer ruhigen Redaktions-Ecke. Man sieht Hermann Reineck nicht an, daß er, M einer sozialistischen Jugend- gr in Wien, rund zwei Jahre im Kon- zenttionslager Auschwitz verbracht hat. Er spricht heute auch nicht von Din- gen. die man schon mel über ihn in der Zeitung lesen konnte: Dah ihn, zum Bei- spiel, noch heute Stiefeltritte auf der Straße erschrecken, weil sie ihn an mar- schierende SS-Leute erinnern.
Nein, Hermann Reineck ist gekommen. um etwas über die„Dokumentations- und Werkstätte Auschwitz“ zu erzählen. die er mit dem Vereln„Lagergemeinschaft Au- schwitt— Freundeskreis der Auschwit- zer“ in Frankfurt aufbaut.
AMuschwitz ist zum Symbol für Völker-
mord geworden, in der ganzen Welt“, be- ginnt Reineck. Hat man solche Sätze nicht schon tausendmal gelesen? Wen sollen sie eigentlich noch hinter dem Ofen vorlocken, wenn— trotz gelegent- lich aufflammender Debatten wie der ak- tuellen über Rainer Werner Fassbinder Stück Der Müll. die Stadt und der Tod“ — rundum„der Trend in der breiten Of. lentlichkeit hin zum Vergessen geht? wie Fr deskrels“Vorsi d Rudolf Dohrmann sagt? Aber bei Hermann Rein- eck iut nichts zu spüren von einer Abnut- zung dieser immer wiederholten Mie wieder Auschwitz-Mahnungen. Es über- trägt sich etwas auf den Zuhörer von der aus Erfahrung gewonnenen, geradezu souverdnen Gewißheit, noch lange nicht genug Sand ins Verdrängungs-Getriebe gestreut zu haben. Alao1Es lst notwendig. die Geschlchte von Auschwitz gerade jungen Leuten zu ve In“, fährt Hermann Reineck fort Di erlebenden wissen natürlich, daß sie dEs nicht ewig werden selbst tun kön- nen. Deshalb soll die„Dokumentations- und Werkstätte Auschwitz“ etwas festzu- halten versuchen von den Erinnerungen der Zeitzeugen— wenn das auf Papier und Im Patenspeicher ũbeyhaupt geht.
Die Tätigkeit soll allerdings keines- wegs elnfach rückwärtsgewandt sein: „Wir wollen nicht historisierend Material zusammentragen“, erläutert Pfarrer und Vereinsvorsitzender Dohrmann. sondern wir sehen die Geschichte mit Blick auf die heute zu leistende politische Arbeit“ Dohrmann erinnert, nach Archiv-Themen gefragt. an dle Bonner Debatten dieses Frühjahrs über elnen Paragraphen. der
das Leugnen der Nazi-Verbrechen unter Strale stellt. Eine Aufrechnung“ des Leids der Auschwitz-Opfer mit dem der Füchtinge nach dem Krieg sei da bei Vertriebenenverbänden und Teilen der politischen Rechten betrieben worden. Zu diesem Thema bieten die Archiv-Orgeni- satoren am Mittwoch. 20. November
(Bußtag) ein Tagesseminar an. Es be ginnt um 11.15 Uhr im Martin-Niemöller- Haus“ der evangelischen Dreifaltigkeits- gemeinde, Funkstraße 14(Kuhwaldsied- lung). Anmeldungen unter Telefon 77 29 66.
Das ist ein Beispiel für den Komplex. den die Archiv-Gründer bettelt haben: „Wie sind Stast, Organisationen und Ein- relpersonen seit dem 8. Mai 1945 mit Au- achwitz umgegangen? Oder. wie es Dohr- mann ausdrückt:„Wie war es möglich. daß in Frankfurt ein Buch mit dem Titel Die Auschwitz-Lüge' geschrieben wur- der Ein wenig Aufechluß darüber sollen unter anderem Kopien von den Akten der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt ge ben oder auch Beispiele für Dichtung“ zum Theme. von der es laut Dohrmenn unheimlich viel“ gibt, meistens in Brie ten Jugendlicher. Auch Filme sollen ar- chhert werden. zum Beispiel der von Les Rosh(Vernichtung durch Arbeit'), „Verwertung“ zwangsarbeitender Häfüinge zum Nutzen der deutschen In- dustrie beschreibt.
Auch zur Frage„Wie ist es zu Ausch- witz gekommen? soll natürlich Material gesammelt werden. genauso wie Erfah- rungsberichte von Gruppen, die Ausch- witz besucht haben. Für jeden dieser Be- reiche gilt der Aufruf an alle, die Briefe. Dokumente, Bücher oder einfach Erfah- rungen. Erinnerungen haben. dem Archiv mit Material zu helfen.
Das soll aber nicht einfach nur gesam- melt werden. Lehrer oder Schüler, künfti- ge Auschwitz-Besucher, Historiker oder Journalisten will man mit Informationen in handlicher Form versorgen. Seminere sind geplant
Während Hermann Reineck und Ru- dolf Dohrmann erzählten. hat ein dritter Besucher schweigend danebengesessen Wer ist er eigenich? Nur seinen Namen. Tadeusz Zaleski, hat er bisher genannt. Jetzt krempelt er einen Armel hoch— zu sehen ist die Häftlingsnummer 43. Zaleski war 1940 einer der ersten, die nach Auschwitz gebracht wurden, von Krakau aus. Er ist für ein paar Tage in der Bundesrepublik zu Besuch. Deutsche und polnische Jugendliche sollten die Wahrheit kennenlernen. damit s0 etwas nie wieder passiert“ sagt er. Er begrüßt die Archividee und auch den Plan. in Auschwitz selbst, wo es aus 26 Ländern. hlcht aber aus der Bundesrepublik. Aus- stellungen gibt. ein„Duplikat“ einzurich- ten.
Einen festen Raum in Dohrmanns Dreifaltigkeitsgemeinde hat das Archiv inzwischen gefunden. Aber Material und Mitarbeiter werden Geld kosten. vorerst vielleicht 70 000 bis 80 000 Mark im Jahr. Das hessische Sozialministerium ver- sprach immerhin bereits wohlwollende Prüfung“ eines Zuschußantrags
Und Suhrkamp-Verleger Siegfried Un- seld. den die Archivmacher angesprochen haben., will, wenn das Projekt gut anläuft. von allen Titeln seines Programms zum Thema Nationalsozialismus je zwei Ex emplare stiften. Aus der zentralen israeli- schen Gedenkstätte Vad Vashem“ gibt es außerdem seit Ende Oktober eine Zu- sage, eine Frankfurter Besuchergruppe mit der dortigen Archivarbeit vertraut zu machen. Keine schlechten Aussichten für die„Dokumentations- und Werkstätte Auschwitz“ STEPHAM HEBEI.
Donnerstag, 7. November 1985
Frankfurter Rundschau
Walter Gerlach Intelligenztest
Wer ist der Feind?
Wo ist der Feind?
WMe ₰
stark ist der Feind? Wann
kommt der Feind?
Was machen wir ohne Feind?


