Heft 
(1985) Nr. 6. Juli 1985
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Lagergemeinschaft Auschwitz V Freundeskreis der Auschwitzer e.V.

Die Opfer des Naziregimes leben noch

von Sianis law Keminski

Februar 1985. Im großen Ausstellungssaal oes Dominikanerkosters ist Ungewòhn ches ⁊u besichtigen: Dokumenie und Brie ſe ſim Originah von Hningen Ces Konzen- nanonslagers Auschwu. Die Ausstellung và9i den Namen-Lagerpost-.

Es isi 10 Uhr vormimags. Wi wanen audie Besocher. vot alem gehl es um Schöler. cie mn ihren Lehrern kommen. eine Doku- meriaion der grobien Katastophe in Eu- ropas Geschichte kennenzolernen und

mi Augenzeugen 2u sprechen: m Men- schen, die den Holocaust berlebien.cie selbst Hãnlinge in Hiters Vernichtungsla- gern waren.

Wir sino rei. Zeugen der Geschichte. Wir sollen erklsren und F̃ragen Cer JWgend- cher beantworien. für weiche die Bilder oer Vergangenhen. Cie Zeñ der Hierher- schan und die syslematische Vernichiung von Miioneñ von Menschern ein abstrak- tes Phãnomen sind, so eine An Gruselge-

schichte, an die man glauben kann oder nichi.

Kann man glauben. das ein 14jähriger Junge ein so geſõhrlicher Verbrecher för die Nazimacht war. Vaß man ihn 20 unbe- trisletem Auenihah im E Auschwn ver- urieilen mubte?

Wolſðr. warum? Das waren die ersten Fra- gen. die ich der ersten Gruppe von Ju- genichen ⁊u beantwornen hane.

Also: ch wurce am 9. Septembet 1940 von der Warschauer Gestapo ſestgenommen. Man war mir vchwere politische Verbre- chen und die Veretung der Rassengeset- 2e vr.

ch hane mich nãmhch als Jude nicht an cie Verordnung der Nazibehòrden gehat len, die alen Jucen befahl. ins Geno 2u ziehen. Au Zwiderhanceln gegen diese Veroronung siand die Toesstrale.

Da ich nichi jisch aussah. hane ich eine Chance. in der arischen Bevölkerung un- erzmauchen. und as versuchie ich. ch vurde jedoch angezeigi.verhahet und det oben gerannien Verbrechen beschldigi. Da ich mindetjòhrig war. wurde ich nichi zum Jooe verunein. sondern nach Au- schwiu verschichk, wo man mich der Nurmmer 9784 zeichnete.

Arn cieser Siele meiner Erlàuterungen rolt ie ich aul algemeines Verlangen den Ar- mel noch und ⁊eigie die au meinem hinken Unmerarm eimãtowiene Hãfingsnummer. Dann mubie ich ausfũhrch ðber mein La· gerleben derichten. jch san die Reakion derjungen Menschen. I0hhe. Cab sich 2wi schen Innen und mir ein Kontak des Ver- stehens. Ces Migeſöhls uno cer Uberzeu- 9ung bildete. das es wirkhich so gewesen (S6

Waten alle SS-Männer röcksichislose Morcer. gab es unter ihnen nicht auch an- stäncige Menschen?- Die shete Dame. cie diese Frage siele. õgie nach einem Augenbhck hinzu.-mein Mann war in der SS un kärnpfe in Rubland. wo er ſiel. Einige Namen von SSMännern kann ich auſzählen, die in Auschwitz cie Hãinge menschhch behandelten.

Aus der Zeit meines Aufenthahes in die- sem Konzentationslager ich war in Auschwnz von Januar 1941 bis Dezember 1944 erinnere ich mich an SSVnter- scharföhrer Stiller. Ghel des Arbeitskom- mandos Bauhof. das den Magazinen mit Baumateriaien zugetein war. Der S8 Mann Siller gestanete schwãcheren Hãn- nngen vãhrend der Arbei von Zeit ⁊c Zeit eine Ruhepause, teilte sie 2u leichterer Ar- bei ein, erlaubte den Kapos nicht. uns 2u mißhanceln und 2u prögeln. er tat sogar so, als ob er nicht sähe, venn manche ãninge von einem nahehegenden Hgel Kanoflein stahlen.

2u cen guten SS-Männern gehöne S8. Bonenſöhrer Breitwieser. Leicer. die 2wei waren cie einzigen. cie uns Hãſinge menschhch behandehen. Dabei zähle doch cie Mannschan oer SSWachen ca. 15.000 Mann. Hechnen Sie sich bine den Proꝛemsau aus: 2 von 15.000.

Wenn wn guten Menschen in Auschwiz die Reoe ist.kann ich eine Person nicht un- erwãhr lassen, und ⁊war die Ehefrau des Lagerkommandarten Hoss. Eines Jages vurde ich ⁊ur Villa des Kommandanien ge ruſen, um eine Schreibmaschine 2u repa- rieren. Zu diesem Zeiipunh arbeiete ich in der mechanischen Werkstäne. wo Schreidmaschinen gewarei und reparien vurden. Uner cer Aulsicht eines S8S Wachers meieie ich mich in Cer Vila Der Wachier meldete vorschrikismãßig. Höss antwonete nich, zeigte nur mi einer Hanobewegung aul oen Schreiblisch. aut oem die Schreibmaschine stand. die ich zu reparieren hane. Vor Aulregung und Nerwosnãt begann ich 2u schwtken. ich stand vor der hõchsten Gewah, vor dem Gon oes Lagers. Er war es. der Auschwi geschatlen hane. er vewolkommneie die Masservernichtung von Milonen von Menschen durch oen Bau der groben Gas- kammern. vo die Menschen mi dem Gas CyMon B erstickt wurcen. Die Leichen vurden dann in Cen riesigen Krematorien- ölen verbrannt.

So stand ich also vor der Schreidmaschi- ne Was geschieht. wenn ich den Schaden nichi beheben kann? Da hegie ich keinen 2weitel. För Nichertöhung eines Belehis ooer Unſãhigkei gab es nu eine Strale oe Joesstraſe! Dann sah ich. Cab ich die ses Model der Olynmpia-Schteibmaschine gunkannte ch laßte ewas Mol und ging an ie Arden Rasch ſand ich oen Schs

Akton-Lagerposi- Haftlingsbrieſe aus Auschwitz

oen. nach einer halben Stunde wat ich lenig.

Mein Wächter meſdeie Auſgabe ausge- 0hn. Hss ging an oie Schteibmaschine und probiere sie aus. in Ordnung. Dann bedeuiete er dem Wachitet, wir sollien ins Nebenzimmer gehen.

Im 2immer war eine F̃rau, wie ich spãter er- ohr. Cie Ganin von Hõss. Sie gab mir ⁊wei große, weibe Bröichen. Cie cick mit Wurst belegi waren. Dem Wãchier sagie Frau Hoss ich häne etwas zu Essen bekommen und hãne das Rechi. es ins Lager miu nehmen. 6 Die nãchsie F̃rage ob ich eine Seleki gesehen habe. Ja. Das war im Sommet 1944. SS.Unterscharòhrer Gossmann. Chei des Kommandos Urierkunfiskam- mer stelne eine Gruppe von Hãlingen zusammen. dann gingen wit nach Birke- nau Auschwitz M. um Sachen abzuholen. die nach Ankunf eines Transpores aus Drancy. Frankreich, aui der ampe liegen- geblieben waren.

Wir waten etwas ⁊u frõh gekommen. und cie Selekion war noch im Gange in oer Gruppe der SSMänner. Cie aul der Ram- pe herumstanden. bemerkte ich einen ele- ganen SSOffizier. Cer cie Akion leiete. Man hörie keine Schreie. kein KMagen. Der Otizier desan sich die Menschen und vãhhe voriegend junge aus. Diese Aus- erwähhen heß er 2ur Seite reten. Ich wub te. vas das beceutete. Die ðberwiegende Mehrheit ànere Menschen. Frauen und kinder wurcen vergast und in en Krems- torienòlen verbrann. Sie wußten noch nich. vas sie erwaneie Man sagie ihnen. sie möhten ⁊um Bad und ⁊ur Desinlektion gehen. Inre Keicer solhen sie an der Ram- pe lassen. gleich nach dem Bad wörden sie alles wiederbekommen. Jeder bekam ein Hanotuch und ein Stöckchen Seile Danach marschienensie ⁊u Gaskamm Anere und Schwache oder Kranke% aul Lastwagen geladen.

Die Selekion nahm der SSArz Mengele vor. Tauseno Menschen z5hhe der Trans- por von franzsischen Joen aus Drancy. kuno 200 ſenete er ins Lager. B00 veroneil- ie er ⁊um Jode

Mengele belaßte sich mit Experimenten an Menschen(vor allem Zwilingen) und Meimoen er Prooukion einer reinen ger- marischen Rasse 2u erſorschen. Deshalb nahm er hõulig an oer Selekion aul der Rampe ieil. um beidieser Gelegenhei ge eignetes Merschenmaterial Iör seine Ex- perimene 2v ſinden.

Od ich von sowjelschen Tuppen in Auschwitz beſrei wurde?-Wir sahen ei nen F̃ilmn ðder oie Beſeiung von Auschwiz ourch die Sowjenruppen im Janvat 1945 sagie eine Cder Jeinehmernnen dieser Begeonung in der AusstelungLager-