Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15
sehr sensiblen Geruchssinn. Unange- nehme Gerüche erzeugen bei mir so— fort einen extremen Brechreiz. Der Ge- ruch von verbrannten Haaren oder Fingernägeln ist unerträglich für mich. Mir wurde klar, dass die Wurzeln für meine Geruchsüberempfindlichkeit sich hier an diesem Höllenort befinden.
Ich lief und lief immer noch auf diesem Pfad, auf diesem Weg und plõtzlich bog ich rechts ab in Richtung der Waldlichtung. Ich war schon drin- nen, und Lukas machte mir ein Zei- chen, er winkte mich zu sich und zeig- te mir diese Tafel. Ich sagte: Ich bin angekommen, ich bin angekommen und weg war ich. Ich habe Rotz und Wasser geweint, denn ich war an dem Ort, wo meine Großmutter und meine Großtante, ihre Schwester, Zwei Tage und zwei Nächte saßen und warteten. Sie wussten nicht, auf was sie warteten. Sie mussten dort warten, dass sie in die Gaskammern kommen, dass sie ver- gast werden. Sie hatten Glück, dass sie nicht vergast wurden, weil die Gas- kammern überfüllt waren mit Lei— chen. Es staute sich, deswegen haben
* 1 7 1 ₰ 1
sie überlebt. Ich war an diesem Ort, und lief umher in diesem Wald- stückchen, bis ich die Tümmer von dem Krematorium sah und plõtzlich kehrte eine innere Ruhe in mir ein. Und es kam eine Ruhe, eine er— schreckende innere Ruhe in mir hoch. Ich war an dem Ort angekommen, an dem meine Großmutter ihre Mutter verloren hat und den Sohn, den sie in Auschwitz geboren hat, unseren Rudi, ihren Sohn der 13 Jahre alt war und der von Mengele zugrunde gerichtet wurde, ihre Geschwister, ihre Nichten, ihre Neffen, ihre Cousinen und Cou- Sins hat sie an diesem grauenhaften Ort verloren, und da stand ich nun.
Ich, die Ubriggebliebene, stand an diesem furchtbaren Ort und sagte:
ICH BIN AN6GEKOMMEN.
Ich war endlich da, wo die Knochen meiner Familie und ihre Asche ver- streut liegen-irgendwo.
Carmen Spitta
* 3


