Deutsche Tragödie 15
versegten die Finanzen der Schwerindustrie sie in die Lage, ihre Dolchstoßlegende zu erdichten und antisemitische Vereinigungen zu gründen, um gegen die neue Verfassung zu wühlen. Alle nationalıstischen Zeitungen erschienen weiter, als sei nichts geschehen, neue schlüpften reptilhaft aus einem einzigen faulen Ei der militaristisch-chauvinistischen Reaktion. Satanisch lockend nahe lag der Schluß:„Es läßt sich also auch nach einem verlorenen Kriege gut leben, folglich rentieren Kriege immer.“ Nichts von alledem ist heute möglich, weil nichts von alledem existiert. Glück im Unglück: wo all und jedes vertan und verspielt ist, ist neben dem Guten auch das Böse vertan und verspielt. Wir haben einen klaren Anfang. Nichts hindert uns: keine unterirdische Kanaille, keine Fememörder, kein Hindenburgmythos, kein Flaggenzwist, keine ihr Amt mißbrauchenden Richter, Lehrer, Professoren, kein Dauer:Meißner, der bereit wäre, von Ebert bis Hitler Staats- sekretär zu spielen.
Niemals ist, so betrachtet, die Situation für jeden einzelnen Deut- schen so günstig gewesen—: er steht wie Gottvater am Anbeginn der Schöpfung, die Erde ist für ihn wüst und leer, aber sein Geist darf sich unbeschwert entfalten, um den schon von Goethe schmerz- lich empfundenen Widerspruch aufzuheben, daß Deutschland nichts ist, obwohl der einzelne Deutsche viel ist. Es muß möglich sein, die achtbaren Individuen zu einer achtbaren Nation zu summieren. In der Weltordnung ist stets das Gestern im Heute, aber auch im Heute das Morgen enthalten. Die Zukunft ist, mathematisch aus- gedrückt, Vergangenheit plus Gegenwart plus x. Dieses x, die unbekannte Größe, ruht nur zum Teil im Schoße des Schicksals, außerhalb von uns selbst. Zu einem anderen Teile richtet es sich nach dem Geist, in dem wir die Tradition zu beurteilen, zu zer- gliedern und fruchtbar zu machen wissen. Es ist nicht wahr, daß alle Deutschen schlecht sind; aber es ist nur zu wahr, daß die vielen, die schlechte Deutsche geworden sind, es darum wurden, weil sie das Beste, das aus den besten Deutschen sprach, zuerst verkannten und dann verbannten, oder in milderen Fällen zu- ließen, daß es verschüttet wurde. Ein guter Deutscher müßte zu- vörderst ein anständiger Mensch sein. Seit zu vielen Jahrzehnten war die entgegengesegte Forderung in dem versteckt, was offiziell gepredigt wurde.
Eine verworfene Person, in deren Charakter nicht abzuschägen ist, was größer war, Roheit oder Dummheit, hat eine Trümmerstätte hinterlassen, vor der unser Volk, das eine solche Person als„‚Staats- mann“ anerkannte, mit der verzweifelten Frage steht, was daraus werden solle. Und doch: es wird schon deshalb etwas daraus wer- den. weil Geschichte immer einen Sinn hat. Deutschland mußte ein


