Erstes Kapitel
Die erzwungene Auswanderung und die Pogrome vor dem September 1939
1. Die Nürnberger Gesetze und die Auswirkungen von München
„Endlösung der Judenfrage“ war ein Deckname für Hitlers Pläne zur Ausrottung der Juden Europas. Er wurde von deutschen Beam- ten nach dem Sommer des Jahres 1941 gebraucht, um das direkte Aussprechen der Tatsache zu vermeiden, daß solche Pläne be- standen; aber der Ausdruck war auch vorher schon ziemlich lose in verschiedenen Zusammenhängen verwendet worden, wobei man offenkundig immer Auswanderung im Sinne gehabt hatte. Es ist wahrscheinlich, aber keineswegs sicher, daß die Wahl des Aus- drucks von Adolf Hitler selbst getroffen worden war.
Was verstand Hitler unter dem„jüdischen Problem“? Ein Blick in Hitlers Reden und Schriften zeigt, daß es zwei jüdische Probleme gab, die, wiewohl Hitler sie miteinander verknüpfte, ganz selb- ständige Behandlung verlangten. Da war zunächst die„Verschwö- rung des Weltjudentums”, unter der Hitler die Macht der jüdisch geführten internationalen Finanz verstand, Deutschland Schaden zuzufügen. Sie hätte die Kräfte der Welt gegen den Kaiser* auf die Beine gebracht, sie hätte das Diktat von Versailles auf dem Gewissen, sie hätte Deutschland zwischen den beiden Kriegen den Zugang zu seinen natürlichen Märkten versperrt und es durch eine unheilige Allianz mit dem Bolschewismus um berechtigte territo- riale Forderungen geprellt. Dann gäbe es die„jüdische Unterwelt”, die jüdischen proletarischen Massen, die aus den Reservoiren Ost-
* Es sei hier vermerkt, daß Wilhelm Il., der im allgemeinen nicht als Antisemit galt, diese Entdeckung etwa zur gleichen Zeit wie Adolf Hitler machte. Dr. Friedrich Schmidt-Ott, ein früherer preußischer Kultusminister, hatte den Exkaiser 1921 in Doorn inter- viewt und berichtete darüber:„Er war davon überzeugt, daß der Weltkrieg durch die jüdischen Freimaurerlogen in Frankreich, England und Italien angezettelt worden sei, und er versah mich mit höchst fragwürdiger Literatur darüber”(Erlebtes und Erstrebtes, 1860-1950, Wiesbaden 1952, S. 195).


