„Die Endlösung der Judenfrage” war der Deckname für Hitlers Plan zur Ausrottung des europäischen Judentums. Wie nahe dieser Plan seiner Vollendung kam, ist allgemein bekannt, eine vollständige und objektive Übersicht über die Geschehnisse, die in ihrer Gesamtheit das dunkelste Kapitel der neueren Geschichte bilden, lag jedoch bisher in deutscher Sprache nicht vor.
Gerald Reitlinger hat es unternommen, aus den Be- richten Überlebender, aus den Zeugenaussagen der an den Kriegsverbrecher-Prozessen Beteiligten und aus den zumeist geheimen Dokumenten der Archive des„Dritten Reiches” den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse, die Verwaltungsmaschinerie der„End- lösung“ sowie das Leben und die Charaktere der- jenigen darzustellen, die an der Ermordung von Millionen jüdischer Menschen mitgewirkt haben. Es gibt kaum ein Land in Europa, auf das sich Hit- lers Pläne für die„Endlösung der Judenfrage” nicht ausgewirkt hätten, kaum eine Regierung, die sich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen hatte. Inwie- weit die zumeist im Verborgenen sich abspielenden Intrigen innerhalb der einzelnen Regierungen und zwischen den deutschen Partei- und Staatsinstanzen Hitlers Absichten zur Ausführung verhalfen, inwie- weit sich unerwartete Schwierigkeiten in den einzel- nen Ländern der„Endlösung” entgegenstellten und die vollständige Ausführung von Hitlers Plan zu vereiteln vermochten— das aufzudecken, ist dem Verfasser ausgezeichnet gelungen.
Das Buch, das hier im Vergleich mit dem englischen Original in einer erweiterten und ergänzten Aus- gabe vorgelegt wird, stützt sich vor allem auf die unzähligen, erhaltengebliebenen Dokumente und Schriftstücke, die eine direkte Mitwirkung der Ver- antwortlichen des„Dritten Reiches” an der„End- lösung“ unwiderleglich beweisen.
Man kann Reitlingers Werk eine Studie der Tyran- nei nennen, man kann es als eine systematische Darstellung des vielleicht größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte betrachten, man kann es als nüchterne Aufzeichnung des grauenhaften Schicksals auffassen, das über das europäische Judentum hereinbrach. Von welchem Gesichtspunkt immer man es betrachtet— es ist ein aufwühlendes Buch von dokumentarischem Wert, das mehr als ein Jahrzehnt nach Abschluß des grausigen Geschehens nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Gerald Roberts Reitlinger wurde 1900 in London ge- boren. Nach dem Abschluß seiner Studien an der Universität Oxford war er eine Zeitlang Heraus- geber und Redakteur der Zeitschrift„Drawing and Design”. Seine Bücher„Ein Turm aus Schädeln“ und „Südlich der Wolken“ waren neben zahlreichen Auf- sätzen über archäologische Probleme das Ergebnis seiner ausgedehnten Reisen durch Westchina, Per- sien und den mittleren Osten.
Das vorliegende Buch, zu dem ihm der erste Nürn- berger Prozeß die Anregung gab und an dem er mehrere Jahre gearbeitet hat, nennt der Verfasser „eine Studie über eine Episode der Geschichte, die als eines der größten Rätsel unserer Zeit betrachtet werden muß”.
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