Druckschrift 
Zeugen im Auschwitz-Prozeß : Begegnungen und Gedanken / Emmi Bonhoeffer
Seite
42
Einzelbild herunterladen

rechtsbewußtsein wirdunter Umständen abgehängt. Du erinnerst Dich, daß Shakespeare in seinemRi- chard Ill. die gedungenen Mörder philosophieren läßt, bevor sie den Herzog von Clarence töten: es geht auch dort darum, daß sie ihr Unrechtsbewußtsein los- werden wollen. Sie berufen sich zuerst darauf, daß es ja einAuftrag sei, daß also ein anderer die Verant- wortung dafür trage. Dann überwinden sie die phy- sische Angst mit dem Appell an ihre männliche Eitelkeit, sie wollenein ganzer Kerl sein, von dem man doch mit einer gewissen Bewunderung sprechen wird. Und der letzte Rest von Unrechtsbewußtsein wird verdrängt durch den Blick auf den Beutel Goldes, der als Beloh- nung winkt. Für einen charakterschwachen Menschen mögen diese drei Faktoren Gehorsam gegenüber einem Befehl, ein falsch verstandenes Selbstbewußtsein und persönliche Vorteile- in unserem Fall die Aussicht auf Urlaub, Schnaps, Zigaretten und Wurstzulagen- ausreichen, um einen Mord zu begehen. Für Millionen-

morde muß noch manches an Motiven hinzukommen.

Bei den im Auschwitz-Prozeß verhandelten Fällen schei- nen mir außerdem die folgenden beiden Gründe für das

Zustandekommen der Massenmorde eine wesentliche