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Zeugen im Auschwitz-Prozeß : Begegnungen und Gedanken / Emmi Bonhoeffer
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nehmen, als ich ertragen könnte. Nun also geriet ich mitten hinein in den Prozeß, und, wie immer bei sol- chen Situationen: ob es ein Bombenangriff oder ein Gestapo-Verhör ist- in dem Augenblick, wo du dich zur Tat gerufen fühlst, wachsen dir die Kräfte, daß du auch das Entzetzliche zu hören oder zu sehen vermagst. Es verliert auf geheimnisvolle Weise seine überwälti-

gende Macht, es wird zur Aufgabe.

Der erste Eindruck, den ich in der Hauptverhandlung empfing, war nicht nur aufwühlend, er war auch ver- wirrend. Ein Teil der dreiundzwanzig Angeklagten ist auf freiem Fuß, sie kreuzen in den Pausen im Vestibül deinen Weg, sitzen in der Kantine am Nebentisch oder mit ihrem Anwalt in einem benachbarten Restaurant, kommen mit Mercedes vorgefahren, da sie erfolgreiche Geschäftsleute sind, und manche treten mit einer Si- cherheit auf, als wollten sie sagen:Unser einziger

Fehler war, daßwirnnicht alle Juden umgebracht haben.

Über die äußere Form, in der unsere Arbeit geschehen sollte, wurden wir uns bald klar. Wir beschlossen, sie dem Roten Kreuz einzuordnen, um von vornherein

ihren unpolitischen Charakter zu dokumentieren und

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