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Zeugen im Auschwitz-Prozeß : Begegnungen und Gedanken / Emmi Bonhoeffer
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folge- eine Mehrheit in unserem Volke diese Prozesse ablehne, ungefähr eine ebenso große Mehrheit wie diejenige, die die Todesstrafe für Mörder von Taxi- fahrern befürwortet. Es sind also vielfach die gleichen Menschen, die für die eine Kategorie von Untaten Straflosigkeit, für die andere strengste Bestrafung wün- schen. Unter den Ursachen, die Emmi Bonhoeffer für die Ablehnung jener Prozesse angibt, scheint mir die gewichtigste diejenige zu sein, die am seltensten offen ausgesprochen wird: Die Strafe, die man für den Mör- der eines Taxichauffeurs fordert, bedroht uns nicht; mit seiner Tat haben wir, so meinen wir, nicht das ge- ringste zu tun, ihm gegenüber fühlen wir uns als die Unschuldigen, die Gerechten. Mit den Greueltaten des Hitler-Regimes, mit der grausamen Ermordung von Juden, Zigeunern, Polen, Russen, Kommunisten usw. haben wir alle irgendwie zu tun. Die meisten von uns haben sich irgendwann einmal von Hitlers Plänen etwas versprochen, haben die Menschengruppen, die er ver- nichten wollte, irgendwann einmal gering geachtet, haben zugesehen oder weggesehen, als die Greuel ge- schahen, haben sich das Wissen davon und das Nach- denken darüber vom Leibe gehalten, haben durch Un-

terlassen von Protest und Hilfe sich selbst das Leben