Die Verflechtung von sicherheitspolizeilichen und wirtschaftlichen Interessen bei der Einrichtung und im Betrieb des KZ Auschwitz und seiner Nebenlager
Auszüge aus dem Gutachten von Prof. Dr. Jürgen Kuczynski, Ordentlicher Professor der Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin,
vorgelegt im Auschwit-Prozeß in Frankfurt a. M. am 19. März 1964
Hoher Gerichtshof! Meine Damen und Herren!
Die Aufgabe, die mir gestellt ist, ist, ganz spezifisch zu überprüfen, ob und inwieweit die sicherheitspolizeilichen und wirtschaftlichen Interessen bei der Einrichtung und im Be- trieb des Konzentrationslagers Auschwitz miteinander verflochten waren.
Einleitend jedoch... möchte ich gern auf einige allgemeine Verflechtungserscheinungen eingehen, aus denen sich dann logisch die spezifischen als ganz selbstverständlich ergeben. so daß für die spezifische Untersuchung dann nur noch die Angabe von Beweistatsachen notwendig ist...
Hören wir dazu, noch im Rahmen der Grundlegung für die bald folgenden Ausfüh- rungen zum spezifischen Thema, zum Beispiel die eidesstattlichen Erklärungen des Vor- standsmitgliedes der IG-Farbenindustrie Georg von Schnitzler.
Ich zitiere zunächst aus dem Dokument NO NI-5193 des Nürnberger IG-Farben- prozesses... Es handelt sich bei dem Verhör um den Komplex der Aneignung der fran-
zösischen Chemieindustrie durch die IG-Farben:...
„Frage: Dann war die Beschlagnahme der französischen Industrie, einschließlich der Farbenindustrie seitens der NS-Regierung— wie im Falle Polens— der eigene Plan der IG?
Antwort: Ja, wie Polen.
Frage: Und war es die Absicht der NS-Regierun gleichen Weise zu behandeln?
Antwort: Das kann ich nicht sagen. Das war vor der sogenannten Zeit der Kollabora- tion. Daß wir die 50 Prozent erwerben wollten, war ganz im Anfang, bevor etwas in bezug
auf Francolor erfolgt war. Frage: Wann? Antwort: Das muß im August/September 1940 gewesen sein.
Frage: War es der ursprüngliche Plan der IG, daß die NS-Regierung die gesamte
französische Industrie, einschließlich der Farbstoffindustrie, beschlagnahmen sollte? Antwort: Wir wollten 50 Prozent der französischen Farbstoffindustrie erwerben— von der Regierung, da keine Verhandlungsmöglichkeiten bestanden. Die Möglichkeiten ergaben
o, die französische Industrie in der
sich erst, als die Ära der Kollaboration begann. ä Frage: Wie war die Lage im August 1940, und was waren damals die Pläne der NS-
Regierung?
Antwort: Das kann ich Ihnen nicht sagen.
Frage: Ich wiederhole, bestand im August 1320 ei mte französische Industrie, einschließlich
n Plan der IG und der NS-Regie-
: 5 i F©. rung, die gesa der Farbstoflindustrie, zu beschlag nahmen?
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