eiß Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist.‘ Dieser Befehl Hit- lers trägt die Unterschrift des Generalfeldmarschalls Keitel!!. Landau schildert, welche Gefühle ihn beschlichen, als er Wehrlose zur Exekution zu führen hatte. Es sind keine Schuldgefühle oder Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Tuns. Kremer bezeichnete einmal eine Mordaktion, zu der er befohlen war, als das„Schreck- lichste der Schrecken“. Aber vergebens sucht man nach der Er- kenntnis, daß dieses Schrecklichste auch das Verbrecherischste war, was Menschen bisher ersonnen haben. Keiner von denen, deren geheime Gedanken wir belauschen konnten, hat auch nur in einem Nebensatz daran Anstoß genommen, daß alle diese Taten, die man von ihnen verlangte, außerhalb des Gesetzes und so ge- heim wie nur irgend möglich durchzuführen waren. Die oberste Autorität im Reich will das, sie deckt das, also brauchen wir uns deswegen nicht zu verantworten, also müssen wir uns darüber keine Gedanken machen: Das führt bei Mennecke dazu, daß er in der Zeit seiner„Arbeit“ im KZ so beneidenswert gut schlafen kann, bei Kremer dazu, daß er auch in Auschwitz dem täglichen Speisezettel eine so große Aufmerksamkeit widmet, und Landaus erotische Gefühle werden deshalb durch sein blutiges Handwerk nicht im geringsten beeinträchtigt. Und sollte es bei den Zehntau- senden, die damals ähnlich wie diese uns nun nur zu gut Bekann- ten eingesetzt waren, die aber keine Tagebücher geführt haben, anders sein? Hat ihr Gewissen sie behindert, nach dem mörderi- schen Zwischenspiel wieder ihren Platz in der Gesellschaft als bie- dere Zeitgenossen einzunehmen? Es war nicht das Gift des Antisemitismus allein, das diese Men- schen damals dazu gebracht hat, an Massenmorden mitzuwirken und gleichzeitig heiße Liebesbriefe zu schreiben, sich über das Menü zu freuen und zu hamstern, was nur zu bekommen war. Vergessen wir nicht, daß Gendarmeriemeister Fritz Jacob in der Schilderung seiner Aktionen aufzählt:„Einmal Zigeuner und ein andermal Juden, Partisanen und sonstiges Gesindel“. Erin- nern wir uns an die„Portionen Arier“, die Dr. Mennecke verar- beitet hat. So mörderisch der Antisemitismus auch ist, der damals liebevoll großgezogen wurde: Ihn allein kann man nicht als Ur- sache dafür ansehen, daß all das möglich wurde und geschehen ist. Auch der manchmal unternommene Versuch, die Führer des Nationalsozialismus zu dämonisieren und sie zu Übermenschen im negativen Sinn zu machen, um ihren unheilvollen Einfluß besser erklären zu können, ist zum Scheitern verurteilt. Die Erfahrun- gen, die man mit ihnen gemacht hat, als sie ihrer Macht und Uni- form entledigt waren, widerlegen jede derartige Deutung. Die 129
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... wir haben es getan : Selbstporträts in Tagebüchern und Briefen 1939 - 1945 / Hermann Langbein
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