trogen.„Das, was unsere Feinde— die Juden, die Kommunisten, die Plutokraten, je nachdem— uns in die Schuhe schieben wollen, ist eine Lüge. Es ist nicht wahr, daß man Greise und Kinder tötet, daß man den Völkermord so organisiert wie ein modernes Industrieunternehmen. Die Brunnenvergifter müssen mundtot gemacht werden!“ Dem war leichter zu glauben als warnenden Stimmen. Es war bequemer, beruhigender, sich damit zu trösten, daß nicht wahr sei, was man nicht wahrhaben wollte. So konnte es dazu kommen, daß selbst zu der Zeit, als die Krematorien von Auschwitz schon jahrelang ununterbrochen rauchten, die volle Wahrheit auch von den Feinden des Nationalsozialismus nur zögernd anerkannt wurde. Wundert es einen dann, wenn viele Deutsche auch heute noch die ganze Wahrheit nicht aner- kennen wollen? Freilich sind die Tatsachen längst klargestellt und zahllose Dokumente publiziert, die von den wohlorganisierten Massen- morden künden. Da gab es nämlich im nationalsozialistischen System einen schwachen Punkt: Auf einen pedantisch bürokrati- schen Schriftverkehr glaubten die Behörden selbst bei ihren ge- heimsten Aktionen nicht ganz verzichten zu können. Viele Papiere blieben erhalten. Es hat den Anschein, daß es manchem Bürokra- ten, der in der Mordmaschinerie tätig war, schwerer fiel, Papier zu vernichten als Menschenleben. Die Tarnsprache solcher Doku- mente wird durch wohlbelegte Aussagen überlebender Opfer, un- beteiligter Zuschauer und auch von den Tätern eindeutig ent- schlüsselt. Vielleicht können die der Forschung zugänglichen und von ihr überprüften Unterlagen noch Zweifel über das eine oder das andere Detail offen lassen, keinesfalls aber über die großen Tötungsaktionen selbst, die damals vom Staat angeordnet und organisiert worden waren. Für die Wissenschaft sind die Fakten klar. Aber in der öffent- lichen Meinung verzerren politische Leidenschaft und bedrücktes Gewissen das Bild. Das zweifelnde„Das kann doch nicht wahr sein!“ ist auch heute noch wirksam. Wer möchte sich gern als in der Vergangenheit völlig blind, ja als ehemaliger Anhänger von Verbrechern sehen? Wer scheut nicht davor zurück, von seinen Kindern so gesehen zu werden? So bleibt trotz aller Publikationen die volle Wahrheit für viele noch verschleiert. Auch kann man nicht erwarten, daß jedermann dicke Bücher studiert und in Archiven Dokumente überprüft. Auf Sensation spekulierende Veröffentlichungen, einander wider- sprechende Behauptungen, ja selbst die Wahrheit aus dem Munde von Kräften, die in ihrem eigenen Bereich eindeutig selbst der Lüge überführt sind, können einen, der zweifeln will, in seinen 8


