Familie heil und gesund durch diese Zeit ge- schlüpft ist, ein Wort darüber verliert, daß der Haushalt nicht wie am Schnürchen läuft. Wir sind erstaunt, daß eine Mutter, deren Kinder im größten Elend in Auschwitz gestorben sind, sich aufregt, daß der kostbare Schmuck ihrer Tochter bei der Aufbewahrung verlorengegangen ist. Vieles, was unserm Nachbarn den Kopf be- schwert, können wir nicht mehr ernst nehmen, weil wir immer vergleichen und daran denken, wie alles mit einem Federstrich ausgelöscht wurde, was wir einst ersehnten und erkämpften. Wir, die wir von 1000 Menschen 990 haben ster- ben sehen, können nicht einmal— und hierin liegt ein ernstliches Manko— unser persönli- ches Leben und unsere eigene Zukunft wichtig nehmen.
Dafür haben wir eine gesteigerte Freude an den alltäglichen Dingen. Nach allen Entbehrungen genießen wir jede Scheibe Brot und jedes Stück- chen Kuchen bewußt. Wir schätzen den warmen Mantel, der uns jetzt vor Kälte schützt, jede kleine Annehmlichkeit des Lebens dünkt uns ein Geschenk des Himmels, Wir saugen die Gü- te der Menschen in uns hinein wie ein ausge- trockneter Schwamm das Wasser,
Manchmal empfinden wir auch wieder die tiefe- ren Freuden unseres persönlichen Lebens, wenn die Töne von Bach und Morart erklingen, wenn
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