Die Befreiung
Man erwartet, daß die Befreiung das schönste Kapitel in der Geschichte des Konzentrations- lagers ist. Ich weiß, daß es das nicht ohne Ein- schränkung ist.
Seit Anfang April warteten wir stündlich auf die Befreiung und durchkosteten dieses Warten mit allen Höhen und Tiefen, und da jede Höhe mit vielen Tiefen erkauft werden muß, waren wir mehr unten als oben, Vieles sprach für eine Annäherung der Alliierten: die unzähligen ame- rikanischen und russischen Fliegergeschwader, die über dem Lager kreisten, die spannenden Luftkämpfe, die über unseren Köpfen ausgetra- gen wurden, und der dumpfe Kanonendonner, der schüchtern in der nächtlichen Stille anrollte. Aber so ging es durch Wochen, gleichmäßig, nicht anwachsend. Das kleine Städtchen Neu- stadt, wohin wir inzwischen transportiert wor- den waren, schien auf der europäischen Land- karte nicht eingezeichnet zu sein; es war, ZWi- schen zwei Fronten eingekeilt, anscheinend von beiden übersehen worden und wir mit. Und selbst wenn man uns suchen würde— Rote— Kreuz— Pakete hatten uns am 12. April erreicht — würden die Deutschen wohl ihre Drohung wahr machen und uns zu guter Letzt mit Bom- ben belegen und das Lager dem Erdboden
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