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Der Zug hielt. Es war seit Wien das erste Mal. Wir hatten die Hauptstadt Österreichs- der Ostmark, wie die uns begleitenden Soldaten das Land nannten- um Mitternacht verlassen; jetzt war es früher Morgen, fünt oder sechs Uhr.
Ich hatte Wien nur durch das eiserne Gittergeflecht des Fensters gesehen. Vielleicht machte diese Stadt des- wegen nicht den gebührenden Eindruck auf mich: alte graue Häuser mit schweren, spitzen Dächern, Kirchen, Alleen, in denen das Laub schon gelb wurde. Ich hatte jedenfalls mehr von Wien erwartet, und so seltsam das in unserer Lage auch sein mochte— das Bewußtsein, daß wir unserm Tod entgegenfuhren, schwächte die Enttäuschung nicht etwa ab, sondern verstärkte sie eher noch. Trotzdem verließen wir Wien mit einem Ge- fühl der Wehmut: Einige Stunden vor Abgang des Zuges hatten ein paar ältere Frauen mit einem roten Kreuz auf der Armbinde den Leiter der Eskorte in- ständig, aber leider erfolglos gebeten, uns eine Ther- mosflasche mit Kaffee und ein wenig Brot übergeben zu dürfen. Sie wiederholten immer wieder:„Es sind doch schließlich auch Menschen...“ Aber man ant- wortete ihnen nur:„Nein.“
Nachts war alles gewesen wie gewöhnlich: das Ge- polter eisenbeschlagener Stiefel auf dem Dach, das flackernde Licht von Raketen, kurze Feuerstöße von Maschinenpistolen über den Eisenbahndamm hin— so für alle Fälle. Und nun hatten wir haltgemacht. Unser


