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Wie war das in Dachau? : Ein Versuch, der Wahrheit näherzukommen / von Johann Neuhäusler
Entstehung
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Die erste, genauer bekannte Massenhinrichtung geschah am 11. 11. 1940: 55 Polen, ehemalige Senatoren, Gesandte usw., wurden erschossen.

Im Herbst 1941, nach dem Beginn des Krieges mit Rußland, fanden mehrere Wochen hernach täglich Massenliquidierungen statt, ohne Registrie- rung von Namen usw., wohl über 6000!

Im Mai 1944 wurden 92 russische Offiziere erschossen, ja man muß wohl sagen„ermordet“.

Als ich Mitte April 1945 im KZ Dachau mit einem russischen General zusammen- traf, der von Flossenbürg gekommen war, da kam das Gespräch auch auf die Hin- richtung der 92 russischen Offiziere im Mai 1944. Da sagte mir der General, daß kaum etwas in Rußland solche Erbitterung hervorgerufen und den ursprünglich nicht vorhandenen Willen zum Widerstand geweckt habe, als die Massenhinrichtungen russischer Kriegsgefangener im Jahr 1941/42 und ganz besonders noch die Ermor- dung der 92 Offiziere. So abscheulich aber diese völkerrechtswidrigen Verbrechen Hitlers und so tragisch ihre Folgen waren, so denkwürdig ist die Gesinnung, welche damals die führenden Häftlinge Dachaus aus allen Nationen für ihre todgeweihten Mitgefangenen zeigten, ebenso der Heldenmut und die Selbstaufopferung der 92 Offiziere. Auf die erste Kunde von der beabsichtigten Füsilierung der 92 kamen insgeheim die Leiter der„nationalen Komitees“ zu einer Beratung zusammen und beschlossen einmütig, daß am kommenden Tag kein Arbeit—kommando ausrücken solle, wenn nicht auch die 92 Offiziere mit zur Arbeit antreten dürften. Und so ge- schah es. Niemand rührte sich, als nach dem Morgenappell die Aufforderung gegeben wurde, zur Arbeit abzumarschieren. Schweigend blieben die Zehntausende stehen. Der Lagerführer konnte sich dies nicht erklären, bekam aber keine Antwort auf seine Frage nach dem Grund; so schickte er schließlich nach dem Lagerschreiber und fragt ihn:„Was ist denn hier los? Warum wird nicht ausgerückt?“ Der Lager- schreiber antwortet:„Das Lager ist unruhig, weil es gerüchtweise von Erschießungen gehört hat, die heute stattfinden sollen.“ Darauf neuer scharfer Befehl zum Aus- rücken. Aber niemand rührt sich. Diese kameradschaftliche Solidarität packt die 92 Offiziere, die, schon abgesondert von den übrigen fast 20000 Häftlingen, auf der Bunkerstraße stehen. Nein, sie wollen ihr Leben nicht um den Preis einer Ge- fährdung von 20 000 Kameraden erkaufen. So tritt einer von ihnen, Oberstleutnant Tarassow, hervor und ruft den Häftlingen zu:„Genossen, rückt aus! Wir sterben wie wir gelebt haben, im Kampf für Rußland. Lebt wohl, Kameraden, rückt aus!“ Doch die wollen ihre lebensgefährdeten Mitgefangenen nicht opfern. Kein Arbeits- kommando macht Anstalten, zu gehen. Da fordert die SS telefonisch zwei Wach- kompanien von 700 Mann an. Diese kommen mit Maschinenpistolen und Kara- binern; aber auch jetzt rührt sich niemand. Noch einmal tritt Tarassow hervor und ruft aufs neue:„Rückt aus, Genossen, rückt aus! Lebt wohl!“ Und so ein drittes Mal. Als auch sein letztes Rufen nichts nützt, bittet Tarassow um eine Unter- redung mit dem Lagerschreiber-Häftling und setzt diesem mit allem Nachdruck auseinander, daß sie„abblasen“ sollen. Schweren Herzens entschließt sich dieser und gibt das Stichwort:„Kameraden! Die Kommandos rücken aus.“ Kaum sind sie abgezogen, rücken 15 schwerbewaffnete SS-Leute an, nehmen 12 der russischen Offiziere in ihre Mitte, führen sie 600 m weit bis zum Krematorium. Im Schieß-

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