Ernst duckte sich, machte sich schmal, als könne er in sich selbst hineinkriechen. Alles in ihm drängte nach der hinteren Wand des Raumes. Doch«der Raum, der ganze Raum selbst, schien sich nach dorthin zusammenzuziehen, eine große, rötliche Dunstfläche, die plötzlich zusammenschrumpft. Dann fühlte er sich hochgehoben. Irgend etwas, vielleicht der Rücken eines Menschen, vielleicht viele Rücken, schoben ihn hoch, hinein in das trübe Licht der Birnen, in den rötlichgelben Lichtkreis des Kellerraumes.. Jetzt sehen ‚sie mich!— Doch’ dieser Gedanke: löste auf einmal auch eiwas anderes in ihm aus. Irgend etwas merkwürdiges, nein, etwas Festes, ein Gefühl, das er immer gespürt hatte, wenn ihm in der illegalen Arbeit Gefahr drohte. Es brachte ihn zu sich, machte ihm das Geschehen im Raum- sichtbar, lehrte ihn wieder hören. Einer in der schwarzen Doppelreihe an der Tür, einer mit einer großen Hakennase unter der Totenkopf-Mütze, schrie jeden, den sie hinauszerrten an: „Schaftstiefel ausziehen!—— Schaftstiefel ausziehen!... Los, dalli! Die soll’n wir euch nachher wohl selber von den steifen Knochen zieh'n, was?!’
Auf einmal war der tosende Lärm zu Ende. Die Tür war knallend ins Schloß gewor- fen worden— und dann war Ruhe. Ruhe? Eine erstickende Ruhe. Als ob man unter einer Glasglocke säße, und aus ihr wird langsam die Luft, die Luft zum Atmen 'herausgepumpt! Ruhe! Tobte nicht in jedem einzelnen ein Sturm? Lauschte nicht jeder ängstlich, fieberhaft, mit allen seinen Sinnen?.\,. Da drüben, an der Wand, saß zusammengekrümmt, wie leblos, der untersetzte Graukopf. Sein eleganter Anzug war verdreckt, der linke Jäkettärmel eingerissen. Sein goldener Kneifer baumelte an einem schwarzen Seidenband zwischen seinen Knien. Mit empörter Würde hatte der. protestiert:„Ich bin nur ein Zivilist! Ich bin Generaldirektor!”—„sehr richtig, von Krupp! Du Röhm-Waffenschieber!‘ hatte die SS geantwortet. Und der dort, in der hohen Stahlhelm-Uniform, mit den ins Weite starrenden, gläsernen Augen, und den.blutlesren Schmissen?„Das ganze ist ein Mißverständnis! Ein Versehen! Erlauben
Sie mir, bitte den Freiherin von Soundso zu verständigen! Der Freiherr ist mein...!“
‚Welcher Tag war heute? Der dreißigste. Der dreißigste Juni 1934...„Von den steifen Knochen zieh'n....‘‘ Das Datum würde bleiben, nur das Datum. Alle diese— und. die Truppführer, Sturmführer, Hauptsturmführer, Standartenführer, und die ein- fachen SA-Männer, die belogenen und betrogenen SA-Männer, würden... Und er! Er auch...!—.In Badeanzügen waren welche hier. SA-Männer in Badeanzügen. Die hatten im Tegeler See gebadet, als man sie ergriff, so hatten sie's erzählt. „Erst die Uniformen anziehen? Lachhaft! Die braucht ihr nicht mehr!‘ So hatten sie’s erzanlt, Ja, so...
Und jetzt... jetzt! Ein rollendes Knattern. Dumpf und fern, kaum hörbar. Doch, doch, klar und deutlich! Da, wieder... Da, wieder! Aus dem Menschenknäuel fuhr jemand hoch, stolperte, stieß, biß ‚sich nach vorn, hämmerte mit rasenden Fäusten gegen die Tür, schrie gurgelnd, immer dieselben Worte:„Laßt mich raus! Ich will nicht!— Laßt mich...! Ich will—— nicht!”——
Die Türen in der Lichterfelder Kadettenanstalt gingen auf und zu. Die ganze Nacht. Die SS hatte Schußfreiheit. Am Morgen kam Befehl, in jedem einzelnen Falle Unter- suchungen anzustellen.— Ich sah Ernst viele Wochen später. Sein Haar war an den Schläfen grau. Ganz grau. Er war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Man hatte nachgeprüft, daß er ein„alter Kämpfer‘', Mitglied der SA seit dem Jahre 1931— völlig unverdächtig war. Er hatte in der Stabswache am Potsdamer Platz einen Freund besucht— an jenem Tage, da man Schaftstiefel von Füßen zog, um sie für andere Füße und für den Marsch, der die Welt verwüsten sollte, bereit zu haben.— Ernst kam heraus.


