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Die Stimme des anderen Deutschland : [dieses Buch soll vom Wesen des deutschen Widerstandes einen Eindruck vermitteln, an seiner Zusammenstellung wirkten zahlreiche Angehörige der deutschen Widerstandsbewegung mit] / [Hrsg. VVN]
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Die Schaftstiefel

von Jan Petersen

Alles war mit rasender Schnelle, völlig unerwartet über ihn hereingebrochen. Ausgerech- net heute, an diesem verfluchten Tage, mußte er in der SA-Stabswache am Potsdamer

Platz herumscharwenzeln. Zum Heulen! Beefsteak-SA-Mann Ernst Rössel außen braun und innen rot geht seinen SA-Kontakt, seine für illegale Arbeit so wert- vollen Verbindungen aufpolieren, und schwapp, der ganze Bau wird ausgehoben. Und jetzt sitzt er in der Lichterfelder Kadetienanstait! Ohrfeigen könnte man

sich! Idiot! Klar, das war's: Der Gegenschlag gegen die herumgeflüsterte Parole: Zweite Revolution! Gegen die bis auf die Knochen enttäuschte SA. Die neu- gebackenen Nazis, die Märzgefallenen-Politiker und Postenbeseizer, zusammen mit den wirklichen Herren im Hause, ließen mit der in so mancher Beziehung unsicheren SA aufräumen. Der große Traum der SA war ausgeträumt. Die entscheidenden Posten in der. kommenden Armee? Für uns! Für die traditionelle Militärkaste! Und was tat der Treueschwur-Führer? Stand der zwischen zwei Feuern? Mitnichten! Seine SS war ausführendes Organ.

Meine SA-Männer! Soldaten der Bewegung! Verklungene Musik. Einen Dreck wert.

Nichts geschieht ohne mein Wissen! Auch das stammte von ihm. Als ob wir es nicht haben kommen sehen, besonders in den leizten Monaten. Nur das ‚wie haben wir nicht genau abschätzen können. Morgen vormittag werde ich nicht

auf dem vereinbarten Treff sein, und Jan wird sich vieles denken können. Er wird sofort unsere Schriftsteller-Gruppen warnen, jede Verbindung mit mir abzubrechen... Wie weit werden sie gehen in diesemDurchgreifen? Morgen vormitiag! Mein Gott, was kann einem bis dahin nicht schon alles passiert sein. So ein elödsinniges Pech zu haben, so eine...!

Wie spät war es nun eigentlich? Zwanzig Minuten nach ocht... Eine ruckartige Bewegung ging durch den Raum. Alle Köpfe drehten sich, wie aufgezogen, zur Tür. Ernst war plötzlich hellwach. Die Tür flog auf. SS-Leute, mit Karabinern in den Händen, füllten den Türrahmen. Sekundenlang war bleierne Stille. Jemand atmete laut und keuchend, als sei er am Ersticken.

Draußen, auf dem Gang, schrie plötzlich eine Stimme in die lähmende Stille hinein: Hauptsturmführer Grunewald! Hauptsturmführer Grunewald! Und dann schrill, sich überschlagend:Sie sagen wir haben den Führer verraten! Ein baumlanger SA-Mann mit drei Sternen und zwei silbernen Litzen am Kragen, der links: von der Tür stand und alle überragte, gab brüllend Antwort:Lügel Lüge! Sein Gesicht war blaurot und verzerrt. an seinem Hals traten die Adern heraus. Er riß den rechten Arm zum Hitlergruß'hoch und brüllte erneut: ‚Lüge! Heil Hitler!.

In die SS, die schweigend und mit zusammengekniffenen Augen die Gesichter im Raum abgetastet hatte, kam Leben. Die Karabiner quer haltend, drangen sie ein, und hinter ihnen erschienen andere Totenkopf-Mützen, eine lange, schwarze Doppel- reihe, mit schußbereiten Karabinern. Ernst sah, wie sich einige an den SA-Mann hingen, der wild um sich schlug, ihm die: Arme umdrehten, ihn unter Kolbenschlägen zur Tür zerrten. Jetzt war es nicht nur der Hauptsturmführer. Links und rechts vor Ernst, in der Mitte des Raumes, zwischen den dichtgedrängt stehenden Männern, brach der zerrende Wirbel los. Ernst fühlte, wie ihm Schweiß ausbrach, kalt und stechend, sein ganzer Körper schien von unzähligen Nadelstichen gepeinigt zu wer- den. Plötzlich wurde ihm eine Stimme bewußt, eine befehlende Stimme:Der!

Der! Und der! und wieder Gewühle und Gestoße, und immer die Siimme da- zwischen, kalt, und laut befehlend:Der! Der! jetzt ganz nahe, jetzt wie von weit her...

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