Man muß trotz Terror kämpfen
In Sachsenbausen bestand unter der Führung von einigen ehemaligen Reichstagsabgeordneten und einer Reihe anderer entschlossener Kameraden aller Nationalitäten ein Netz konspirativer Verbindungen, die das ganze Lager überspannten, die auf der Wacht waren, gefährdete Kameraden zu retten und den faschistischen Terror zu paralysieren. Regelmäßig wurde in den einzelnen konspirativen Gruppen der Gang der volitischen Ereignisse vom antifaschistischen Standpunkt aus systematisch diskutiert, und es gab in unseren Reihen keinen politischen Häftling, der auch nur einen Moment an den Sieg des Faschismus geglaubt hätte wie die Menschen draußen] Ver⸗ räter an dieser Überzeugung wurden rücksichtslos aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen und gingen des Anrechts auf solidarische Hilfe verlustig. Und das bedeutete im Lager sehr viel! Es bestand ein Nachrichtennetz, das uns nicht nur die notwendigen und wichtigen Vorgänge des Lagers übermittelte — bevorstehende Transporte. Vernehmungen usw.—, sondern uns auch durch die in den Radiowerkstätten der SS arbeitenden Kameraden systematisch mit den Sendungen von London und Moskau versorgte. Es bestanden unter⸗ irdische Solidaritätsorganisationen, die bedürftige antifaschistische Kameraden ohne Unterschjed ihrer Nationalität oder Parteibindung mit Lebensmitteln und Arznei versorgten Gefährdete in Arbeitsstellen schleusten, wo sie der Auf⸗ merksamkeit der SS⸗Männer entzogen waren, oder gar, wenn es unbedingt für ihre Sicherheit erforderlich erschien, sie heimlich in Transporte schmug⸗ gelten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem anderen Lager unter⸗ zutauchen. Es bestanden konspirative Verbindungen mit den französischen, tschechischen, sowjetischen Nationalitätengruppen auf gleicher Basis, die der
Vorbereitung unserer Befreiung dienten. Es wurden geheime, kühn gestaltete Feiern organisiert, um den Mut zu stärken und das Gedenken unserer Ge⸗ fallenen zu ehren.
Bis zuletzt Lebensgefahr!
Aber wir setzten unsere Tätigkeit fort, wachsamer, aber nicht weniger energisch, bis auch wir eines Tages das Opfer der Maßnahmen der Lager⸗ leitung wurden. Am 1. Oktober 1942 wurden 18 Kameraden überraschend. wenn auch nicht ganz unerwartet, vom Lagerführer selbst in den Zellen⸗ bunker abgeführt. Zwölf Monate saßen wir in Arrest, davon vier Monate in Dunkelarrest. Lange Wochen war unser Schicksal dunkel und ungewiß. Alle hatten wir mit unserem Leben abgeschlossen, und kaum konnten wir es fassen, als wir in der Frühe des 27. November, von SS mit Bajonett eskortiert, den Weg in das Straflager Flossenbürg in der Oberpfalz antreten mußten. Auf Anordnung des Reichsführers SS Himmler wurden wir ohne Vernehmung und Bekanntgabe der Gründe verschickt und erhielten als„besonders schwer erziehbare Häftlinge“ einen blauen Punkt als Sonder⸗ kennzeichnung, der uns vogelfrei machen sollte. In einem Granitsteinbruch des Bayrischen Waldes sollten wir nach den Worten des SS-Hauptsturm⸗ führers Fritzsche elend zugrunde gehen. Granit war der Lieblingsstein des Dritten Reiches. Aus Granit bestand angeblich das Fundament des Dritten Reiches, am Granit sind Hunderttausende en Gefangenen dieses Reiches verblutet, aber unsere Herzen waren härter als Granit. Wilbelm Cirnus.


