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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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ganzen Tag fast ohne Beaufsichtigung an diesen Wagen herum. Ihre Devise war, je langsamer, desto besser. Sie wußten, daß sie bei dem ersten Probe⸗ versuch die Versuchskaninchen sein sollten. Gemeinsam mit ihnen besprach ich nun den Fluchtversuch. Er war toll und auch kübn.

Wir bauten zwar die Rohrleitung, die die tödlichen Gase ausströmte, in den Versuchswagen hinein, aber an einer anderen. schwer zugänglichen Stelle brachten wir eine Entlüftungsanlage an, die wir sorgfältig mit Holzwolle verstopften, mit Pappe vernagelten und überstrichen. Desgleichen gelang es uns, die Scharniere der beiden Türen, die die Rückwand des Wagens abschlossen, so weit anzusägen, daß wir sie, wenn wir uns mit dem Körper dagegen warfen, leicht aufbrechen konnten. Unser Plan war, für den Fall, daß wir die Probefahrt mitmachen sollten und daß wir sie mit⸗ machen sollten, daran bestand fast kein Zweifel uns im Innern des Wagens, nachdem die SS die Gase in den Wagen leitete, flach auf den Boden zu legen und durch das geschaffene Loch Frischluft zuzuführen. Wir wollten dann während der Fahrt, wenn die SS glaubte, wir seien bereits erstickt, aus dem Wagen springen und flüchten. Endlich war der Wagen so weit fertig, daß die Probefahrt unmittelbar bevorstand. Gegen Mittag ging es nun unter Begleitung zweier SS⸗Leute und einem Chauffeur, von denen 1 jeder eine Maschinenpistole trug, aus dem Lager hinaus in die Freiheit. 5 Wir saßen acht Mann im Innern des Wagens. Plötzlich hielt der Wagen.

5 der Chauffeur sowie die zwei Aufseher hießen uns aussteigen, wir hätten 1 jetzt Gelegenheit. noch einmal in Gottes freier Natur ein Gebet zu verrichten. .Hoffentlich, meinte der eine der SS⸗Leute grinsend.habt ihr eure

5 Sache gut gemacht und seid gleich tot!. Nachdem wirunser Gebet ver⸗ 5 richtet hatten, wurde uns befohlen, wieder einzusteigen. Daraufhin stiegen i wir wieder ein. die Tür wurde verschlossen und die beiden SS-Aufseher ö stiegen mit vor zum Fahrer und ließen nun das Gas einströmen. Wir leg⸗ ten uns flach auf den Boden, rissen die Pappe ab, hielten uns Tücher vor 1 die Nase und blieben einige Minuten ruhig liegen. Als wir am Tempo des Wagens merkten, daß sich die Fahrt in einer Kurve verlangsamte, warfen wir uns mit unserem Gewicht gegen die Tür und fielen einer nach dem anderen Hals über Kopf auf die Straße. Im Abstand von je zehn Metern lagen wir so am Wege und kullerten uns sofort, wie wir besprochen hatten, in den Straßengraben. Der Wagen mit den SS⸗-⸗Leuten fuhr weiter.

Wir waren fast alle unverletzt. Die Nacht blieben wir noch im Walde, dann trennten wir uns. Jeder ging seinen Weg für sich. Mein Weg führte 1 in die Freibeit ö Addy Fissel, Aussig.