hieß es in dem Bericht,„konnte die Schlußfolgerung gezogen werden, daß das Zentrum des Judentums in Europa und die Haupt- verbindung nach Übersee in Frankreich gesucht werden müssen. Aus dieser Erkenntnis heraus sind die Büros großer jüdischer Organi- sationen wie des Jüdischen Weltkongresses durchsucht und versiegelt worden.“
Starke Bindungen bestünden, so behauptete Dannecker, in Frank- reich zwischen dem Katholizismus und dem Judentum, und als Be- weis führte er die Ergebnisse von Haussuchungen an, die bei der Familie Rothschild, dem ehemaligen Kolonialminister Georges Mandel, dem Presseattach& der britischen Botschaft und den Advo- katen Moro-Giafferi und Torres vorgenommen worden waren.
Sieben Monate später gab Dannecker einen weiteren Bericht, der erkennen ließ, daß die Behandlung der Judenfrage seit der Heraus- gabe des ersten Berichtes eine merkliche Beschleunigung erfahren hatte.
Die Überschriften der verschiedenen Abschnitte des zweiten Be- richtes zeugen von dieser Tempobeschleunigung:„Aufgaben der Sipo und des SD in Frankreich“—„Judenkartei“—„Französisches Kom- missariat für Judenfragen“—„Französische antijüdische Polizei“.
Man erkennt an den Überschriften, daß die Gestapo ihr Netz immer enger um die französischen Juden zog, daß alle Juden in- zwischen von der Polizei karteimäßig erfaßt waren, daß in dieser Frage eine Koordinierung zwischen der Besatzungsmacht und der Vichyregierung erfolgt war und daß es bei der verhaßten Miliz eine Sonderabteilung zur Verfolgung der Juden gab.
Im Frühling jenes Jahres erfolgten die ersten Judendeportationen, nachdem zuvor alle Opfer ihrer französischen Staatsangehörigkeit beraubt worden waren. Im Juni waren bereits mehr als 100 000 Menschen verschleppt. Zur Verschleierung ihrer wahren Absicht— die Juden solange Zwangsarbeit leisten zu lassen, bis sie nicht mehr arbeitsfähig waren, um sie dann in die Gaskammern zu schicken— bezeichneten die Nazis diese Deportationen als„jüdische Umsied- lung“. Nach einer weiteren Konferenz zwischen Dannecker und dem RSHA wurden neue Direktiven für die Verschleppung der Juden aus Frankreich erlassen. In ihnen war nur von„Judenbrut“ die Rede.
254


