Druckschrift 
Meines Vaters Haus : ein Dokument / Artur Joseph
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen

zen, sondern nur noch die mit gelber Farbe und der Aufschrift «Für Juden» bemalten Bänke benutzen durften. Zwar berich- tete mir mancher christliche Freund, er habe sich aus Protest auf eine gelbe Bank gesetzt, ich fand es aber beschämend für die Deutschen, daß sie sich von Kreaturen regieren ließen, die diesen Erlaß in ihrem Namen wagen konnten.

Immer schärfer und bitterer wurden Verfolgung und Aus- stoßung zu unmittelbarer Wirklichkeit, zu leibhaftiger Be- drohung. Deutschland, dem wir uns zugehörig fühlten, schien in Mizraim und Babylon verwandelt, war plötzlich echtes Ga- luth. Und es ist wohl verständlich, daß ich in solcher Bedräng- nis nach einem helleren Ausblick suchte. Wohl hatte ich stets die zionistische Bewegung unterstützt, indes eher in karitati- vem Sinn. Nun erkannte ich ihren Wert als Sammelbecken und begriff Schopenhauers Satz, die Heimat des Juden sei der andere Jude. Würde ich nie vergessen können, daß ich Deut- scher sei, so würde ich doch von nun an die deutsche Heimat im Nebel des rauchenden Opferblutes meiner Glaubensgenos- sen sehen müssen. So stellte ich mich 1935 der zionistischen Vereinigung in Köln zur Verfügung und wurde in ihren Vor- stand gewählt, dann auch als Vertreter in die Repräsentanten- versammlung und später in den Vorstand der Jüdischen Ge- meinde. Die Arbeit, die ich leisten durfte, belohnte mich reich - persönlicher Einsatz für die Zukunft der Bedrückten und Bedrängten in einem besseren Morgen, in einem Land, in dem sie als freie Bürger leben und das sie mit ganzem Recht ihr eigen nennen sollten. Palästina war der Hoffnungsstrahl vieler Tausender, war auch der meinige, und freudig widmete ich mich der gemeinsamen Aufgabe, die vor allem darin be- stand, aus der Bahn geworfene Juden zu betreuen und die aus den deutschen Verbänden ausgestoßene jüdische Jugend in eigenen Sportvereinen sowie Handwerker- und Lehrlings- schulen körperlich und geistig auf die Auswanderung nach Israel vorzubereiten. Es war konstruktive Arbeit für eine posi- tive Zukunft, und sie erhob mich innerlich über manche De- mütigung durch die Nazis: was an menschlicher Befriedigung im Geschäft mehr und mehr dahinschwand, gewann ich in

130