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Erlebnisse und Bekenntnisse : ein Kapitel Lebenserinnerungen des früheren Herausgebers der Zeitschrift "Das Neue Reich" und "Schönere Zukunft" / Joseph Eberle
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erwartet vom Publizisten gewisse ETr- öffnungen. Es erwartet von dem, der immer nur an- dere angeredet und angepredigt hat, nun einmal auch Reden und Erzählen von sich selber: Von Heimat und Eltern, von Studiengang, Lehrern und Beratern. Es er- wartet Aufschlüsse über das Woher und Warum lang- jähriger geistiger Haltungen, über das Warum gewisser Parteinahmen und Polemiken. Es erwartet von dem, der vermutlich manchen Blick hinter die Kulissen von Welt und Menschheit tun konnte, ein gewisses Daran-Teil- nehmenlassen. Es interessiert sich für seine Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen; es wünscht nähere Mit- teilungen über Hauptmitarbeiter. Es will von etwaigen Reisen hören und wie Völker und Menschen erlebt wur- den. Es erwartet vom Publizisten auch eine gewisse Auf- klärung und Rechenschaft, wenn er im Laufe der Jahre unter dem Druck bitterer Zeitentwicklung die Art seiner Publizistik bis zu einem gewissen Grad änderte; wenn er der Verfechtung des Grundsätzlichen Taktisch-Casuisti- sches beimischte, wenn er aus einem angreifenden Kämp- fer ein sich auf die Verteidigung zurückziehender ruhiger Apologet wurde, wenn er dann angesichts von Zeit- schriftenverbot und Gefängnishaft durch den National- sozialismus eines Tages überhaupt verstummte. Da wer- den nachträglich umsomehr genauere Auskünfte erwartet, wenn solche unter der Herrschaft der Diktatoren nicht mehr gegeben werden konnten. Das Publikum erwartet von dem, dessen Zeitschrift vernichtet wurde und infolge der besonderen Zeitlage noch nicht wiedererstand, end- lich die Vorlage gewisser abschließender Auffassungen und Programme als Abrundung des in früheren Jahren Woche für Woche Gesagten. Vor allem: es will sehen, wie ein Mitteleuropäer, der das kennzeichnende Schicksal der Österreicher und Deutschen zwei verlorene Welt- kriege(und im Rahmen dieser viele persönliche Ver- luste) erlebte, das Glück genossen hat und wie er mit dem Unglück fertig zu werden bemüht ist. Nun sagt zwar Thomas Morus: ‚Ein Mann soll die Besonderheit seines Lebens geheim halten, damit die anderen keine

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