Druckschrift 
Erlebnisse und Bekenntnisse : ein Kapitel Lebenserinnerungen des früheren Herausgebers der Zeitschrift "Das Neue Reich" und "Schönere Zukunft" / Joseph Eberle
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen

führte parlamentarische Demokratie nur teilweise Be- jahung bei einem Volk, das während Jahrhunderten durch Fürsten und ihre Räte geleitet worden war und insbeson- dere von Preußen her sich immer stärker an autoritative Führung gewöhnt hatte. Die nach dem Zusammenbruch von 1918 zunächst tonangebenden Linksparteien gefielen sich ja auch in ihren radikalen Teilen allzuviel in Partei- demagogie, in Futterkrippenkämpfen, in bloßer Be- schuldigung und Bekämpfung der bisher oberen Gesell- schaftsschichten, in Mißachtung und Verfolgung der christlich-kulturellen Überlieferungen. Wirtschaftlich war viel von Sozialisierung die Rede; praktisch blieb man gerade gegenüber den großen Plutokraten, gegenüber den Kriegsgewinnlern, den Hyänen der Inflation weithin ohn- mächtig. Als endlich die ärgsten Revoluzzerklüngel aus- geschaltet, die Gottlosendemonstrationen eingestellt, die frivolen Auswüchse in Literatur und Kunst, auf dem Theater und im Kino unterbunden waren, als das wildeste Spekulantentum Bändigung erfahren hatte, als die poli- tische Führung an Mittelparteien übergegangen war und nun Männer wie Cuno, Marx, Brüning die Gesamtentwick- lung auf eine ruhigere und vernünftigere Bahn gedrängt hatten,hemmte wieder anderes in verhängnisvoller Weise. Das konfessionelle Vorurteil der Mehrheit traute den nur mit höchstem Mißtrauen betrachteten und behandelten katholischen Kanzlern keine politische Rettung zu. So bildete sich die seelische Disposition für den Durchbruch des Nationalsozialismus.

Das Programm des Nationalsozialismus schien im Kern, unter Abzug der mit den meisten Parteiprogrammen verbundenen, aber in der folgenden Praxis dann meistens aufgegebenen Übertreibungen zunächst eine Reihe vernünftiger Forderungen zu vertreten. Diese fanden umso mehr Gehör, als die Parteigleichzeitig als eine Bewegung des festen Zupackens und des stärksten Tatwillens er- schien. Das Unglück war bzw. wurde, daß diese Forde- rungen nicht nur mit den Anfangsübertreibungen festge-

4