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Geistliche Lieder, Gebete und religiöse Betrachtungen / von Elisa von der Recke
Entstehung
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So sank auch Sie hinab! Was wir schon lange ahneten und täglich näher kommen sahen, das ist geschehen! Ein großer Geist ist uns entflohen, ein schönes Herz gebrochen, ein reiches Leben hat für uns geendet. Dieser klare Blick, von dem warmen Herzen durchdrungen, dieser lebendige Sinn für das Wahre und Gute, für das Einfache und Schöne, dieser noch im Spätherbst der Jahre jugendlich glühende Eifer für das Rechte und Edle, diese unermüdet schaffende und segnende, heilende und beglückende Liebe, für uns sind sie dahin. Wir stehen gebeugt an ihrer Gruft.

Un solchem Grabe ziemte wohl ein stummer Schmerz. Doch, wer mag schweigen, wo die Pflicht ruft, und wo die Klage der Liebe laut wird in tausend Herzen? Was wir besaßen, tiefer fühlen wir's als je, indem wir es verlieren. Zum letztenmale schauten wir die theuren Züge, aus denen sonst uns Weisheit sprach und Liebe; da tritt das große Bild des reich geschmückten Lebens noch einmal vor uns hin! Wir schauen es voll tiefer Wehmuth an; doch ob dem Auge die Thräne entfällt, das Herz erhebt sich himmelwärts. Tief pråge ihr Bild unsrer Seele sich ein, ihr Geist lebe und wirke unter uns fort, und in unsrer Mitte walte ihre Liebe.

Viel hatte ihr der Ewige gegeben, aber viel Frucht auch wird der Herr der Ernte an ihr finden. Frühzeitig erwachte in ihr ein reger kräftiger Geist, in seiner jugendli­chen Entfaltung schon nahm er die veste Richtung auf klare und befriedigende Wahrheit, blindem Glauben kühn ent­gegentretend und alles verschmähend, was nicht auf klar ge­dachten und überzeugenden Gründen beruhet. Diese Richtung war ihr bis zur letzten Stunde des Bewußtseins geblieben, aber jede Einseitigkeit wußte sie dabei glücklich zu vermeiden.