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Vorrede an den geneigten Lesser.
Hiermit lege ich dem Leser mein tägliches Handbuch zum dreizehnten Male dar. Zwar scheinen die gegenwärtigen Zeiten den Gebetbüchern gar nicht geneigt zu sein, indem sich ein Teil der Leute bei seinem Aufstehen eher an seine Geschäfte, als an das Gebet erinnert, bei dem Schlafengehen aber die schlummernden Augenlider nicht mehr zum Gebetbuch gebrauchen kann. Wenn nun solche Seelen geschickt wären, ohne Hülfe eines Buches aus ihrem Herzen ein Gebet zu thun, und ihr Verlangen Gott vorzutragen, so könnten sie dieses Mittel zur Erweckung ihrer Andacht entbehren. Weil sie aber dazu auch nicht tüchtig sind, so merkt man mit Erstaunen, daß solche arme Seelen nicht allein schläfrig im Christentum, irdisch gesinnt und ungeschickt zu allem Guten werden, sondern weil sie sich nicht durchs Gebet Gott heiligen und übergeben, kann sie ein jeder Wind bewegen, ein jeder Sünder und Sünderin zu Eitelkeiten und fündlichen Gewohnheiten verführen. Wie nun solchen in die Welt verliebten Leuten eine Aufmunterung zum Gebet nötig wäre, so findet sich eine andere Art Menschen, welche es für eine Schande halten, ein Gebetbuch im Hause zu haben, und sich eines solchen Zuflusses heiliger Gedanken rühmen, daß sie sich völlig damit vergnügen können. Ich gebe dieses solchen Seelen zwar in gewissen Zeiten zu, möchte sie aber wohl fragen, ob ihnen nicht auch ein Seelenzustand bekannt sei, welcher die geistliche Dürre heißt, wo dem betrübten Gemüte nicht ein guter Gedanke, kein Spruch oder Trost zufließen will.
Kinder Gottes gehen hierin, nach meiner Erfahrung, den Mittelweg; nämlich: lesen sie ein Morgen- oder Abendgebet, so bekommen sie dadurch allerlei schöne Betrachtungen und Gedanken, die ihnen vielleicht sonst nicht beigefallen wären. Hiermit aber ist ihre Andacht nicht geendigt, sondern sie tragen Gott insbesondere ihr besorgliches Leiden, Bekümmernis, obschwebende Gefahr, betrübte Umstände und die Ihrigen vor; setzen sie dazu noch eine andere Betrachtung, so wird den ganzen Tag, wenn es mit Andacht geschehen, die Seele dadurch erquickt, und bei Gelegenheit an das Gelesene erinnert werden.
In dieser Absicht habe ich, auf Anraten Gott liebender Freunde, in dem ersten Teile dieses Handbuches eine Änderung gemacht. Sie meinen, es wäre veffer, auf jeden Tag, als nur immer Ein Morgen- und Abendgebet zu haben; ihr Wunsch ist gewesen, daß die besondern Betrachtungen möchten mit jedem


