66
Episteln und Evangelien.
dem Gesetze soll er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.
Da Pilatus das Wort hörete: fürchtete er sich noch mehr, und ging wieder hinein in das Richthaus und spricht zu Jesu: Von wannen bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich macht habe, dich zu freuzigen, und macht habe, dich loszugeben? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben. Darum, der mich dir überantwortet hat, der hat es größere Sünde. Von dem an trachtete Pilatus, wie er ihn losließe.
Die Juden aber schrieen und sprachen: Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum Könige macht, der ist wider den Kaiser. Da Pilatus das Wort hörte, führte er Jesum heraus, und setzte sich auf den Richterstuhl an die Stätte, die man heißet Hochpflaster, auf Hebräisch aber Gabbatha. Es war aber der Rüsttag in den Ostern, um die sechste Stunde, und er spricht zu den Juden: Sehet, das ist euer König. Sie schrieen aber: Weg, weg mit dem, freuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich eueren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König, denn den Kaiser.
Da aber Pilatus das sah, daß er nichts schaffte, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, gedachte er dem Volke genug zu thun, und urtheilete, daß ihre Bitte geschehe; nahm Wasser, und wusch die Hände vor dem Volke und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten, sehet ihr zu. Da antwortete das ganze Volk, und sprach: Sein Blut sei über uns und unsere Kinder. Da gab er ihnen Barrabam los, der um Aufruhres und Mordes willen war ins Gefängniß geworfen, um welchen sie baten, Jesum aber, gegeißelt und verspottet, übergab er ihrem Willen, daß er gefreuziget würde.
Das fünfte Hauptstück.
Da
Von der Ausführung und Kreuzigung Christi. a nahmen die Kriegsknechte Jesum, zogen ihm den Mantel aus, und zogen ihm seine Kleider an, und führeten ihn hin, daß sie ihn kreuzigten, und er trug sein Kreuz. Und indem sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen, der vorüberging, von Cyrene, mit Namen Simon, der vom Felde kam, der ein Vater Alexander und Ruffi war, den zwangen sie, daß er ihm sein Kreuz trüge, und legten das Kreuz auf ihn, daß er's Jesu nachtrüge.
Es folgten ihm aber nach ein großer Haufe Volkes und Weiber, die klagten und beweineten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen, und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst, und über euere Kinder. Denn sehet, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Bedecket uns! Denn so man das thut am grünen Holze, was will am dürren werden?
Es wurden aber auch hingeführt zween andere Uebelthäter, daß sie mit ihm abgethan würden. Und sie brachten ihn an die


