8 Erster Theil. Auslegung des Salve Regina. werden darf. Hat sie doch von jenem Augenblicke an, wo sie in die Mutterschaft des ewigen Wortes eingewilligt, das Recht erlangt, eine Königin der Welt und aller erschaffenen Wesen genannt zu werden. Wenn ihr Fleisch zugleich das Fleisch Jesu Christi war, so ziemt es sich, daß sie als Mutter an des Sohnes Gewalt theilnehme; ja wir schließen hieraus, daß Mutter und Sohn nicht nur die Ehre der Herrlichkeit mit einander theilen, sondern daß dieselbe in beiden vereinigt sei, daß alle Engel und Menschen, die Gott unterwürfig sind, es gewissermaßen auch Marien sein sollen.
Bei der Krönung eines Königs salbt man sein Haupt mit Del, dem Sinnbilde der Barmherzigkeit, zum Zeichen, daß er zwar Strenge und Gerechtigfeit gegen die Uebertreter der Gesetze walten lassen, aber vor allem durch Milde und Barmherzigkeit sich auszeichnen soll. Maria übt in ihrer Eigenschaft als Königin keine Gerechtigkeit aus, sondern sie beschränkt sich blos darauf, durch ihre Fürbitte bei ihrem göttlichen Sohne Gnade und Erbarmen für jeden bußfertigen Sünder zu erwirken, daher sie die Kirche mit Recht als Mutter der Barmherzigkeit begrüßt.
Albert der Große macht eine schöne Anwendung von der Geschichte der Königin Esther auf Maria, die Königin der Barmherzigkeit. Im vierten Capitel des Buches Esther liest man, daß während der Herrschaft des Assuerus in seinem Reiche ein Befehl erlassen worden sei, alle Juden umzubringen; da habe Mardochäus, einer der Verurtheilten, das Heil der Seinen der Esther anempfohlen, damit fie den König bitte, den genannten Befehl zurückzu


