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Spee, Truznachtigall.
fangenen in ihre Heimat zu erwirken. Und als in der Stadt ein verheerendes pestartiges Fieber ausbrach, war es wieder der edle Spee, der allen voran, ein leuchtendes Beispiel christlicher Werkthätigkeit und edler Selbstaufopferung in rastloser, nie ermüdender Thätigkeit in den Spitälern helfend und tröstend wirkte, bis er selbst am 7. August 1635 dem Fieber und den fast übermenschlichen Anstrengungen erlag.
Die Truhnachtigall wurde erst vierzehn Jahre nach seinem Tode von einem seiner Beichtfinder herausgegeben. Derselbe Herausgeber veröffentlichte, ebenfalls 1649, auch Spees güldenes Tugendbuch, eine in Gesprächsform abgefaßte Unterweisung über die drei göttlichen Tugenden, Glaube, Liebe, Hoffnung; ein Buch, welches von der tiefen und wahrhaft edlen Frömmigkeit des Verfassers beredtes Zeugnis ablegt und nicht vergessen zu werden verdiente.
Die Trutznachtigall ist im Wesentlichen eine Umsetzung des güldenen Tugendbuches in Verse. Über ihre Entstehungszeit ist nichts sicheres anzugeben. In gewandter und sprachrichtiger Form preisen die in ihr enthaltenen Lieder im wesentlichen Gott und Gottes Schöpfung, überall die edle, wahrhaft christliche Frömmigkeit und die innige Liebe des Verfassers für die Natur zeigend. Der Vortrag ist voll Anmut und stets hält sich der Dichter von der Nachahmung des Fremdländischen und gesuchter Gelehrsamkeit fern. Verfällt er auch zuweilen in das Spielende und Süßliche, so sind doch seine Gedichte von einer so entzückenden Naivität und von einer so hinreißenden Innerlichkeit, daß sie das Ansehen in vollem Maße verdienen, welches sie unter den Zeitgenossen besaßen und auch heute noch unter den Kennern des Schriftentums genießen. Auf jeden Fall sind sie neben den Dichtungen Schefflers fast die einzige bedeutendere Schöpfung, welche die neuhochdeutsche katholische Litteratur des siebzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hat. Möge die Truhnachtigall in ihrer hier gebotenen neuen Form dazu beitragen, den Namen Spees wieder in weiteren Kreisen bekannt zu machen.
Harzgerode, im Januar 1889.
Karl Pannier.


