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Gab Er denn nicht schon damals, als Er sprach: » Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem!« genugs sam zu verstehen, daß Sein Leiden und alle Umstände desselben Ihm auf das deutlichste vor die Augen gemalet und in Sein Gemüth gepräget wären? Wo ist aber jemals erhöret worden, daß man nach dergleichen höchst schmerzlichen Leiden und dem bittersten Tode einiges, geschweige ein so herzliches Verlangen habe?» Geheimnisvolle Lieb', o Lieb' geheimnißvoll! die jedes Adamskind mit Lust bewundern soll.« 2ch warum wird denn diese Liebe des Sohnes Gottes so gar wenig, oder doch sehr kaltsinnig von uns erwogen? Ist es nicht wahr, daß die meisten der Christen, wenn sie von der Liebe ihres Jesu, von der Vermählung des Sohnes Gottes mit unserer armen Seele, von Seinem Bräutigamsschmuck, Seinem Pupurmantel, Dornenkrone, Geiffeln, Nägeln, heiligem Blute und Wunden etwas lesen oder hören, es als eine gemeine und ihnen längst bekannte Sache ohne Eifer, Buße, Undacht, Erweckung geistlicher Freude und brünstiger Gegenliebe, und ohne rechte Dankbarkeit vernehmen? Oihr unglückseligen Seelen, warum liebt ihr die Liebe nicht? Erinnert euch des schweren Fluchs, welchen über diejenigen, die bei der unergründlichen Liebe ihres Heilandes sich so unempfindlich bezeigen, der eifernde Paulus ausspricht, wenn er sagt:» So jemand den Herrn Jesum Christum nicht lieb hat, der sei verflucht und verbannet zum Tode«( 1 Cor. 16, 22.). Wie möget ihr doch solche schreckliche Verwünschung ertragen? Selbst gottselige Seelen erzittern davor, und möchten oft vor heiliger Ungeduld über die Kaltsinnigkeit ihres Herzens dies Herz aus dem Leibe reißen und von sich werfen. Denn


