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aber habe ich in der Vorrede zur 4ten Auflage versprochen, und sie mußte noch nachgeholt werden, wenn der vorherrs schende Gedanke ausgeführt und das Gemälde nicht von einer Seite ohne gehöriges Licht bleiben sollte.
Freilich werden viele denken: es ist die Stimme eines Predigers in der Wüste! Denn viele halten die Religionsvers einigung für eine unmögliche Sache. Zu diesen gehöre ich nicht, ich gestehe es aufrichtig; sondern ich glaube im Gegens theil, daß diese erwünschte Vereinigung zu Stande kommen könne, noch ehe ein Menschenalter vergeht. Die Zeichen der Zeit scheinen darauf hinzudeuten. Denn die bäufige Erörtes rung der Sache selbst in unsern Tagen, das gesunkene Anfes hen des Vatitans, die Aufhebung der Klöster, die veränderte Jugendbildung, das Vorbild der Reformirten, die religiöſe Philosophie, die überall geläuterten Religionsbegriffe, die allmählige Nichtachtung manches Beralteten und Unstatthafs ten, die günstige Stimme der Regierungen, der neubelebte gute Wille, der brüderitche Aufruf von beiden Seiten, die vernunftmäßige Würdigung der Dogmatik und Symbolik, die erneuerte Achtung des Evangeliums, das allgemeine Streben nach Einheit- das alles scheint zu der angenehmen Hoffnung zu berechtigen, daß die Christen nicht mehr weit vom Biele entfernt seyen, zu welchem sie, nach dem Geiste ihrer Religion, schlechterdings gelangen müssen.
Habe ich oben falsch prophezeiht, so habe ich mich blos darinn geirrt, daß ich von der Weisheit meines Zeitalters zu vortheilhaft urtheilte. Dann wird mich die Nachwelt recht: fertigen müssen. Bin ich aber ein wahrer Prophet geweſen, so werden wir das schönste Fest unsers Lebens mit einander fevern, und ein Hymnus voll Dank gegen Gott wird mein Schwanengesang feyn.
Igensdorf, am 6. Januar 1812.
Joh. Heinr. Wilh. Witschel.


