der Zerstörung Jerusalems.
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auch hier die Mauer durchbrochen hatten, überfiel diese Hartnäckigen die muthloseste Verwirrung. Voll Furcht und Schrecken verließen sie die von ihnen besetzten sehr festen Thürme, versuchten vergeblich durch die Römischen Verschanzungen zu entkommen und verbargen sich endlich in unterirdische Höhlen. Die Römer bemächtigten sich also auch der ganzen obern Stadt, plünderten selbige und zündeten sie, nach der entsetzlichsten Niederlage unter den Einwohnern, mit Feuer an. Dieses geschah am 8. September des Jahres 70 nach Christi Geburt.
Als Titus in die nun völlig eroberte Stadt ging und die ungemeine Festigkeit ihrer Mauern und Thürme bewunderte, brach er in dieses ihm rühmliche Geständniß aus: Wir haben mit Gottes Beistand ge= führt; es ist Gott, der die Juden aus diesen Festungen herausgetrieben hat; denn was würden menschliche Hände und Maschinen gegen solche Thürme vermögen?
Gleich nach der Eroberung wurden die noch übrigen Aufrührer sämmtlich getödtet. Die ansehnlichsten Jünglinge wurden zum Triumph des Titus, die übrigen Gefangenen aber zu den Römischen Schauspielen oder zu schweren Arbeiten bestimmt; die, so unter 17 Jahren waren, wurden verkauft. Die Zahl aller in dem ganzen Kriege Gefangenen rechnet Josephus auf 97,000, und der in der Belagerung Umgekommenen auf 1,100,000, außer der großen Menge, die sonst in diesem Kriege ihr Leben verloren, und macht jenes aus der unter dem Cestius berechneten Zahl der Osterlämmer begreiflich. Simon und Johannes geriethen aus ihren Höhlen endlich auch in die Hände der Römer. Sie wurden gleichfalls zum Triumphe des Titus aufbehalten und nach selbigem der erste zum Tode, der andere aber Zeitlebens zum Gefängniß verurtheilt.
Die sämmtlichen Ueberbleibsel der Stadt, außer dreien Thürmen und einem Theile der Mauer, wurden auf Titus Befehl dem Erdboden gleich gemacht; und Jerusalem ward also nach Christi Weissagung völlig geschleift.
Wie nun diese merkwürdige Geschichte, nebst der ganz sonderbaren Erhaltung der Jüdischen Nation bei ihrer großen Zerstreuung, die Göttlichkeit der Lehre Jesu ausnehmend bestätiget; so muß einem Jeden, der folche erkennet, bei einer mitleidigen Erwägung dieser Gerichte Gottes, jene Warnung des Apostels stets wichtig bleiben: Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! Hat Gott der natürlichen Zweige nicht verschonet, daß er vielleicht dein auch nicht verschone. Darum schaue die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst an denen, die gefallen sind; die Güte aber an dir, so ferne du in der Güte bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden.


