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Neu vermehrtes Gesang-Buch für die Rostockschen Gemeinden
Entstehung
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Fühlt der denkende Christ sich durch ein geistliches Lied zu pause oder in der Kirche angesprochen und gehoben, so erwacht in ihm der Wunsch, zu wissen, wem er diesen Gewinn für sein inneres Leben verdankt. Ja, manches Lied erregt schon im Voraus eine ernstere Aufmerksamkeit, wenn wir den Verfasser deffelben als ausgezeichnet in seinem Werthe und Wirken schon fennen. Das scheint man auch gefühlt zu haben, als man in früherer Zeit bei Anfertigung unsers Gesangbuches Luther's Namen unter seine Lieder stellte. Was aber bei dem großen Reformator wohlgethan war, fonnte sich in Beziehung auf andere hochverdiente Zeugen und Sänger unserer Kirche auch nur em­pfehlen. Freilich muß das Werk seinen Werth in sich selber tragen und kann ihn nicht durch den Namen des Urhebers ge­winnen; allein wohlthuend ist es uns doch, wenn wir des schönen Werkes uns freuen, auch den Dank an einen Namen zu fnüpfen und einem bestimmten Urheber im Herzen die Ehre zu geben. Von diesem Gefühl geleitet, hat man darum auch in allen bessern Gesangbüchern neuerer Zeit die Liederdichter den Gefängen beigefügt. Ein anderer Gewinn, den uns die Bekannt­schaft mit den Verfassern unserer Kirchengesänge bringt, dürfte noch darin liegen, daß durch diese Kenntniß mit geholfen wird, uns aus einer armseligen Vereinzelung zu ziehen und das er= hebende Bewußtsein der Gemeinschaft und des innigen Zusammen­hanges mit den Millionen Glaubensbrüdern in unserer evangeli­schen Kirche nah und fern zu wecken. Tausende sangen wohl schon unsere Lieder aus dem Rostockschen Gesangbuche und meinten, außerhalb der Stadt höre man dieselben nicht. Das Verzeichniß der Dichter aber giebt die Ueberzeugung, daß die Mehrzahl unserer besten Lieder, als schönste Blüthe des dem deutschen Volke eigenthümlichen tiefen, gemüthlichen, religiösen Lebens Gemeingut der ganzen Kirche sind und in tauſend evan­gelischen Gotteshäusern unseres großen deutschen Vaterlandes noch sonntäglich erschallen, wie bei uns; denn aus den Werken so vieler der edelsten Geister unserer Kirche in den verschiedensten Gauen Deutschlands sind sie ja mit gewissenhafter Sorgfalt entnommen. Mit dieser Ueberzeugung hängt endlich auch die Beruhigung zu­sammen, daß wir in unserem Gesangbuche noch immer einen heiligen Schatz besigen, den keine deutsche, echt evangelisch- lutheri­sche Gemeinde missen mag, und dann eine ernste Mahnung, die reiche Fundgrube, welche unser altes liebes Gesangbuch für rein evangelische Wahrheit und Erhebung bietet, nur erst recht tennen zu lernen und zu benutzen, ehe wir klagen, daß dies Gesang­buch den Forderungen der Zeit nicht mehr genüge. Mag ein Theil unserer Gesänge, die ohnehin selten mehr gesungen werden, als unpassend wegfallen und anderen besseren Plaß machen, die