Druckschrift 
Vollständiges Christkatholisches Gebethbuch / von Michael Hauber, Königl. Bayerischen Hofprediger und Hofkaplan. Mit Bewilligung des Fürstbischöfl. Ordinariats zu Wien, d. Fürstbischöfl. Seckauer Ordinariats zu Grätz usw. [d. bayer. Bistümer]
Entstehung
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XII. Abschnitt. Andachten

ich leben; nur dann darf ich hoffen, daß ich zufrieden sterben

werde.

Ich werde gewiß sterben; aber der Augenblick mei­nes Todes ist ungewiß. Er kann noch Jahre zögern; aber auch dieser Tag, die nächste Nacht kann meine letzte seyn. mein Gott! ich darf also meine Besserung nicht aufschieben; ich darf nicht säumen, auch nicht einen Augenblick, für das Beste meiner Seele mit allem Eifer bedacht zu seyn; ich darf nicht zögern, mich um Verdienste umzusehen, tugendhafte Hands lungen, wo sich nur eine Gelegenheit zeigt, auszuüben. Ich darf meine Zeit nicht wegwerfen an die Ländeleyen der Erde, noch weniger an ihre eitlen, fündhaften Freuden. Da jeder Tag meines Lebens mein letzter seyn kann, ach! so muß ich mich an jedem fertig halten, meine Rechnung abzulegen, den entscheidenden Schritt in die Ewigkeit zu thun, und vor meis nem Richter zu erscheinen; muß sorgen, daß ich nicht mit vers grabenen oder verschwendeten Talenten, mit leeren Händen vor ihn trete. Meine Todesstunde ist ungewiß! Großer und wich­tiger Gedanke! Wie kann mich eine Versuchung überwältigen, wie ein böses Beyspiel, ein Reiz zur Sünde mich verführen, wenn ich bedenke: Ich begehe diese Missethat; und vielleicht in einer Stunde nach ihr stehe ich vor meinen Gott, und muß mich verantworten über sie! Wie dringend muß mich diese Borstellung vielmehr auffordern, ja keine Gelegenheit vorbey zu lassen, wo ich mich besser machen, oder eine neue, verdienst­liche Handlung verrichten kann? Wenn die Ernte reif liegt, der Himmel heiter ist, die Sonne niederscheint, welcher Land­mann eilt da nicht, sie auf; usammeln, und in sein Haus zu führen, weil Stürme und Ungewitter, Schloßen und Regens güsse folgen können; soll ich, was Menschen für das Zeitliche thun, nicht für meine Seele thun wollen? Heiliger Gott! da mein Tod so gewiß, seine Ankunft so ungewiß ist, ach! laß mich weise werden; laß mich betrachten, wenn rings um mich meine Mitmenschen mit grauen Haaren, und solche, die noch in der Blüthe der Jahre, in der Stärke ihres Lebens sind, meine Bekannten, meine Freunde so unerwartet sterben, daß dieß auch mir begegnen könne, und daß meine Entschuldigung dann fruchtlos und thöricht seyn würde, wenn ich sagen woll­te: Das hätte ich nicht gedacht.