Unterricht vom Gebete.
1. Was beten heiße.
eten heißt sein Herz zu Gott erheben und sich mit Ihm durch fromme Gedanken und Empfindungen unterhalten. Jeder Gedanke an Gott also und jeder Ausblick zu Ihm ist Gebet, wenn derselbe mit frommer Rührung verbunden ist. Wer mithin an Gott oder an seine unendlichen Vollkommenheiten denkt, und sich dabei von Freude, Ehrfurcht, Liebe, Bewunderung u. f. w. durchdrungen fühlt, der betet; wer die vielen Wohlthaten, die er von seinem Schöpfer, Erhalter und Vater empfangen hat, überdenkt, und dabei vom Gefühle der Dankbarkeit ergriffen iſt, der betet; wenn Jemand bei Gefahren, in welche seine Unschuld und Tugend gerathen ist, im Bewußtsein seiner Ohnmacht Gott um Beistand aufleht, so betet er; wenn er sich endlich im Schmerz über seine Sünden zu Gott wendet, und es beweint, daß er seinen Vater beleidigt, seinen Richter erzürnt und sich von seinem höchsten Gute, dem letzten Ziele aller Dinge, entfernt habe, wenn er um Vergebung der Sünden fleht, und Heiligkeit des Wandels verspricht, so betet er.-
Beten ist demnach sehr leicht. Jedermann vermag an allen Orten und zu allen Zeiten sein Herz mit frommer Gesinnung zu Gott empor zu schwingen. Nicht viele, nicht gesuchte und künstliche Worte werden erfordert, wenn wir uns mit Ihm unterhalten wollen, sondern bloße Gedanken, begleitet von aufrichtiger, inniger Gemüthserhebung, reichen dazu hin. Ein Gebet, das blos in Gedanken, z. B. in stiller Bewunderung der Größe und Allmacht Gottes, besteht, heißt ein innerliches oder beschauliches Gebet, oder auch Betrachtung; besteht es aber in äußerlichen Ergießungen des Gemüths durch Worte, so heißt es ein mündliches.
Beide Arten des Gebetes sind dem Christen, der Gott liebt, sehr angenehm. Denkt ja ein Freund gern an seinen Freund, und unterredet sich mit ihm in herzlicher Innigkeit; denkt ein gutes
Gebet- und Erbauungsbuch. 27. Aufl.
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