Druckschrift 
Gesangbuch für die evangelisch-lutherische Landeskirche des Königreichs Sachsen / hrsg. von dem evang.-luther. Landeskonsistorium im Jahre 1883
Entstehung
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V. Gebete.

488

Sünde, wie den Nebel. Mein Gott, ich hoffe auf dich, laß mich nicht zu schanden werden. Amen.

Had

2.

O du allwissender, heiliger Gott. du Herzenskündiger, der du Herzen und Nieren prüfest, vor dem mein Inwendiges bloß und entdecket ist, von dir kommt alle gute und voll­kommene Gabe, von dir stammt alle wahre Weisheit; auch alle gründ­liche Selbsterkenntnis kommt von dir. Denn das Herz ist ein trobig und verzagt Ding, du allein kannst es ergründen. O mein Gott, so lehre mich doch mich selbst erkennen, offenbare mir, wie mein Herz zu dir steht, mache es mir klar, ob ich im lebendigen Glauben stehe und also dein Kind bin oder nicht, be­wahre mich vor allem groben und feinen Selbstbetrug, daß ich mich nicht für lebendig halte, während ich tot bin. Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ichs meine. Hilf, daß ich mich erkenne, wie ich er­fannt bin von dir. Laß alle Fin­sternis in meinem Innern vor dem Lichte deines Geistes sich zerstreuen. Führt mein Weg zu einem Abgrund hin, o so laß mich ihn sehen und heil­sam erschrecken. Ist mein Sinn und Wandel nicht angenehm in deinen Augen, so nimm die Decke hinweg, die mir dies verbirgt, und laß mich nicht eher zur Ruhe kommen, bis meine Wege dir wohlgefallen. Habe ich Lust an der Sünde oder an fal­scher Lehre, so enthülle mir doch die Jammergestalt meines Innern, da­mit ich eile und meine Seele er­rette. Stehe ich in Verleugnung deines Namens, schände ich durch meinen Wandel deine Wahrheit, die ich durch deine Gnade erkannt habe,

stelle ich mich der Welt gleich und ziehe ich an einem Joche mit den Ungläubigen, Herr, mein Gott, fo erfasse mich mit deiner rechten Hand und bringe mich, den Verblendeten, zur Besinnung. D entseglicher Zu­stand des Selbstbetrugs, da man des Himmels sich tröstet und mit jedem Schritt und Tritt weiter in den Abgrund des Verderbens hinabsinkt! Mein Gott, der du Gebet erhöreft, salbe meine Augen mit Augensalbe, daß ich sehen möge, damit ich nicht gehöre zu den un­nüßen Knechten, die des Herrn Wil-. len wissen und nicht thun, zu den selbstgerechten Pharisäern, die in ihrer Tugend und in ihren Gaben sich spiegeln, zu jenen Betrogenen, die Herr Herr sagen, aber dereinst das Urteil der Verdammung ver­nehmen müssen. Ach, wie fürchter­lich ist es, vor dir und den Menschen als ein Christ gelten zu wollen und doch keiner zu sein, sondern den Gräbern zu gleichen, die auswendig übertüncht sind, aber inwendig voll Moder und Totengebeine, deine Gnade zum Leben erfahren zu haben und doch wieder erkaltet und er storben zu sein, gleich einem kahlen, unfruchtbaren Baume. Herr, meine Seele erbebt in ihrem Innersten, wenn ich daran gedenke und an mir jenes Feuer der ersten Liebe zu dir, jene Inbrunst des Geistes, jene An­dacht des Gebetes, jene Sehnsucht, auch andern Seelen zu ihrem Heile nüklich zu werden, vermisse, wenn ich erwäge, wie wenig ich deinem Geiste in mir Raum gegeben habe, wenn ich mir sage, daß ich ohne ernste Umkehr von dir gänzlich ge schieden werden könnte. Herr, gieb mir den Sieg in diesem innern Kampfe der Gedanken, die sich gegen­seitig verklagen und entschuldigen,