der Stadt Jerusalem. 187
das Gerücht verbreitete, die geflüchteten Juden hätten Gold verschluckt, schnitten die römischen Soldaten in einer Nacht 2000 gefangenen Ju⸗ den die Bäuche auf, um Gold in ihren Eingeweiden zu suchen. Die meisten der Geflüchteten aber wurden von den Römern gekreuzigt, das Angesicht gegen die Tempelmauern gerichtet, so daß nach kurzer Zeit die Juden von der Zinne ihres Tempels Tausende ihrer Brüder am Kreuze mußten hangen sehen. Das Blut des auf Golgatha von
ihnen Gekreuzigten kam über sie und über ihre Kinder.
Titus hatte unterdes die Belagerung fortgesetzt und auch die Burg Antonia erobert, so daß nur noch der Tempel mit seinen Ne⸗ bengebäuden und einigen Mauertürmen in der Gewalt der Juden war. Um Tempel und Menschen zu schonen, ließ Titus den Juden nochmals Frieden anbieten und ihnen namentlich vorstellen, wie ihr Heiligtum zu Grunde gehen würde, wenn der Kampf fortgesetzt werde. Allein abermals vergebens!„Nun so sei es denn!“ rief Titus.„Wir wollen den Kampf fortsetzen; aber den Tempel will ich auch gegen euren Willen erhalten.“ Doch er konnte mit aller seiner Macht nicht das Haus erhalten, von dem der Herr gesagt hat, daß an ihm kein Stein auf dem andern bleiben sollte.— Die Römer berannten von neuem die Mauern und eroberten bald die beiden nördlichen Vor⸗ hallen des Tempels, die eine Beute der Jlammen wurden. Nach sechs Tagen unaufhörlichen Stürmens wurden endlich auch die östlichen Vorhallen erobert und niedergebrannt. Darauf ging es an den Tem⸗ pel selbst. Titus hatte verboten, Jeuer an das Gebäude zu legen; ein Soldat stieg aber dennoch, als der Kampf am hitzigsten war, einem andern auf die Schultern und warf einen Jeuerbrand durch das goldene Fenster in den Tempel. Er zündete; die Flammen griffen um sich, und in kurzer Zeit brannte der Tempel lichterloh, daß an ein Löschen nicht zu denken war. Da stieg die Wut und Verzweiflung der Juden aufs höchste. Der ganze Tempelberg ward ein Leichen⸗ haufen. In wenigen Stunden lag der Tempel in Asche. 6000 Wei⸗ ber und Kinder, die ein falscher Prophet auf die flachen Dächer des Tempels, als auf eine sichere Burg, geführt hatte, kamen in den Flammen um. Und das geschah am 10. August des Jahres 70 nach Christi Geburt.
Da Titus sah, daß der Tempel,„das Prachtstück des römischen Reichs“, wie er ihn nannte, zerstört war, gab er Befehl, nun auch die ganze Stadt niederzubrennen und dem Erdboden gleich zu ma⸗ chen. Nur drei Mauertürme sollten stehen bleiben, aus denen die Juden zuletzt selbst geflohen waren, und die so fest waren, daß Ti⸗


