IV Vorwort zur zweiten Auflage.
bringen, ohne Gefahr zu laufen, den Ernst und die erschütternde Erhabenheit des Weihnachtsgeheimnisses, wie es die Kirche auffaßt, zu erniedrigen, und in Wahrheit nicht mehr zu beten! Das Lied dagegen hat seine eigene Schwebe, worin es jeden trägt und hält, der sich ihm anvertraut. Daß aber gerade jedes Lied auf einen jeden und unter allen Umständen dieselbe Wirkung übe, wird nicht erwartet, weder in Text, noch in Melodie. Gerade die lieblichsten Weihnachtslieder dürften wohl, wenn sie von einem kräftigen Männer⸗ chor in sogenannter Kunstgerechtigkeit vorgetragen würden, fast wie eine Parodie erscheinen, während sie im Volksgesang unwiderstehlich sind. Ueberdies aber ist auch der wirkliche Werth der Lieder ver⸗ schieden, und bei manchen, namentlich neueren, war es zunächst die allgemeine Verbreitung, welche ihrer Aufnahme, sowie der Belassung einzelner Ausdrücke Vorschub leistete oder Nöthigung gab; sonst würden sie gefallen sein. Für andere sprach die Melodie.
Bei so großer Anzahl der Lieder war es um so nothwendiger, dem einzelnen seine Selbständigkeit zu schützen und ihm gleichsam ein Antlitz zu geben. Anordnung und Ueberschriften dienen diesem Zwecke, wollen aber durchaus nicht den Anspruch machen, die ganze Eigenthümlichkeit des jedesmaligen Liedes zu erschöpfen. Ueberdies ist bei der Anordnung auch darauf Rücksicht genommen worden, daß außer den deutschen Singmessen(S. 374) auch noch für die einzelnen Zeiten und Gelegenheiten besondere Meßgesänge mit Leichtigkeit aus⸗ gewählt werden können. Jedoch wird aller abgerissene Strophen⸗ gesang nie das leisten, was des Liedes wahrer Beruf ist, indem dasselbe nur als Ganzes seinen Lebenskern mittheilen kann. Wo daher die Umstände nur wenige Strophen zulassen, soll der Gläubige sich gewöhnen, die übrigen Strophen betend beizufügen. Im lateinischen Hochamt ist besonders beim Offertorium, nach der Wandlung und am Schlusse das deutsche Lied an seiner Stelle; und auch in Still⸗ messen wird bei diesen Theilen am geeignetsten ein Wechsel des Gesanges eintreten, und nach ihnen der Charakter des Liedes sich bestimmen.
Die Erweiterung der Gebete ist noch bedeutender als die der Lieder, und ist namentlich in diesem Theile auf vielseitige Wünsche
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