Waggons herausquoll und in dicken Stutzen umter den Fahrgestellen gefror und
sich blutig färbte, ließ den Gast erraten, der mit den wunden Haufen mitfuhr. Wie ein Pestschiff hatte dieser Zug auf dem Marsch durch das weiße Land und auch auf Bisenbahnachsen weiterrollend Tote himer sich gelassen, solche, die an erhal- tenen Wunden, die an der weißen und der roten Ruhr und am Flecktyphus, die an Seelischer Gelähmtheit gestorben waren. Diese Toten zählen nicht, ihre Namen sind auf Schnee geschrieben. Aber da sind Gräber— von russischen Militärärzten und Pflegern und Pflegerinnen, die den Zug begleitet haben und die auf der Strecke geblieben sind— diese Gräber zählen, und sie sind im Buch der Menschheit ein- geschrieben, und es sind auf der ersten Ftappe und bis in die ersten Auffanglager hinein zweiundvierzig. Volk in die Irre gefühtt und versprengt, alle gezogenen Grenen überschreitend, der entrollten Hahne des. Wahnwitzes folgend, sich über die Landkarte Europas , über die Täler und Wälder und Felder und Meere hinbreitend, und bei diesem menschenfeindlichen Unternehmen zermahlen zu Schrott, zerpulvert zu Staub.. Und dieses Volk in seiner tiefen Mitternacht soll an das Ufer eines neuen Tages geleitet werden, soll als Farbe auf der Võlkerpalette nicht verlöschen, soll als Ton des Weltorchesters nicht verklungen sein. Deutschland soll leben, auch noch nach diesem Untergang. Dazu ist not, daß alle, die guten Willens sind, einander die Hände reichen, daß sie den begehbaren gemeinsamen Weg finden. Das war es, was die beiden in der Balka Krutaja miteinander zu besprechen hatten, und was trotz der gemein- samen Sprache so schwer erschien, so tief war die Kluft, so verbaut waren alle Wege, 8o mißbraucht alle Worte, so verbraucht der gute Glaube. Und es fuhr ein Wind auf, der kam über die weiten Schneewüsten des Ostens und war eisig, und da über allen Feldern vom Pamir und dem Balchaschsee her über den Aralsee weg bis zur Wolga die hohe Sonne stand und schwebende diamantene Helle die Lüfte erfüllte, war es ein erster Vorfrühlingswind und der z0g klingend durch die hohlen Hallen und die ragenden Ruinen und die zerkafften Mauern der Stadt Stalingrad und 20g weiter über das von Trichtern und Gräben zerfressene und von Haufen zerschlagener Kampfwagen und Rädern und Geschützen über- streute weite Land. Und nichts war am Himmel, kein Motorengeheul mehr und keine aufspritzende Rauch- und Erdfontäne mehr, nichts war als das Klingen des Windes. Und die Erde war leer, und von Stalingrad-Mitte über Gumrak und weiter bis zu den Pörfern der Donsteppe zog sich eine breite, von vielen Füßen ausgetretene Spur, eine lang hingezogene Kiellinie, die Schicksalslinie eines Volkes, einen Stern- tag lang aufscheinend und wieder versinkend.
Da war auch die Balka Krutaja, wo drei nebeneinandergelegte Leichname unter
einem Haufen aufgeschichteten Schnees ruhten, und eine Spur führte schlucht- aufwärts, z0g sich über das weiße Feld hinüber zu dem in den Schnee getretenen breiten Marschband, in dem sie sich verlor.
Es war die Fußspur von zwei nebeneinander schreitenden Männern.


